Lebensgeschichte

 

Hochdruckgebiet ROSI

(getauft am 22.09.2017)

 

Mitte September kam es über dem zentralen Nordatlantik zu einem kräftigen Warmluftvorstoß in Richtung Island und dem nördlichen Nordmeer. Dabei löste sich eine markante Warmluftblase, die durch ungewöhnlich hohe Temperaturen von über 10°C in unteren Troposphärenschichten gekennzeichnet war. Bei einem Radiosondenaufstieg über Island wurden am 16. September mittags in etwa 1,5 km Höhe 11,4°C gemessen. Dies war der Ausgangspunkt für die Entstehung eines neuen Hochs, welches sich bis zum 19. September über der Barentssee formte. Bis zum 22. September verlagerte sich die Antizyklone unter deutlicher Kräftigung mit Zentrum langsam südwärts Richtung Russland. Dabei stieg der Luftdruck in nur 3 Tagen von 1025 hPa auf knapp über 1040 hPa. Der Einfluss des Hochs über dem Europäischen Kontinent blieb dennoch zunächst marginal, weil selbst in Nähe zum Zentrum über Fennoskandien und Nordwestrussland kühle, wolkenreiche Meeresluft und in der Höhe zyklonaler Einfluss dominierten.

Dies änderte sich erst im Laufe des 22. September, als zunehmender Hochdruckeinfluss für erste größere Aufheiterungen über Westrussland und Osteuropa sorgte. Das Zentrum selbst befand sich um 00 UTC, was 01 Uhr MEZ entspricht, mit knapp über 1040 hPa im Raum Archangelsk. Nach Prognose der Meteorologen sollte sich die Antizyklone an den folgenden Tagen vor allem in der Höhe weiter kräftigen, als blockierendes Hoch über Fennoskandien festsetzen und damit letztendlich auch Einfluss auf unser Wetter gewinnen. Folglich wurde das Hoch noch am selben Tag auf den Namen ROSI getauft.

Wie prognostiziert konnte sich Hoch ROSI an den folgenden Tagen verstärken und den Einfluss über Skandinavien hinweg bis zum 28. September nach Mitteleuropa ausbauen. Das Zentrum verblieb mit einem Luftdruck von etwas über 1040 hPa im Großen und Ganzen stationär über Nordwestrussland.

Die Auswirkungen auf das Wetter waren je nach Region vielfältiger Natur. Über West- bis Südrussland sorgte das Hoch ROSI vor allem zwischen dem 23. und 26.09. für viel Sonnenschein und kaum Wolken. Die wolkenfreie Zone dehnte sich bald schon bis nach Weißrussland und ins Baltikum, später auch zur Ukraine aus. Ursache war nicht alleine nur der Luftdruckanstieg, sondern auch das Einströmen trockenwarmer Kontinentalluft am Rande der Antizyklone von Osten her. Dabei stiegen die Temperaturen über Westrussland deutlich über 15°C, z.B. am 23.09. in Moskau bis auf 17°C. Noch wärmer wurde es im Baltikum mit nahe an oder knapp über 20°C, wie etwa im litauischen Klaipeda mit einem Maximum von 22°C am selben Tag.

Dagegen sickerte an der Ostflanke des Systems von Norden her allmählich kühlere Luft subpolaren und polaren Ursprungs nach Russland ein. Dies ist gut zu erklären, da die Luftmassen im Uhrzeigersinn um das Hochdruckzentrum herum strömen. So ging das Temperaturniveau zwischen Ural und mittlerer Wolga allgemein auf Werte unter 10°C zurück. Während beispielsweise das Maximum in Kazan am 23.09. noch bei knapp 13°C lag, waren es zwei Tage später nur noch 8°C. Die Nächte gestalteten sich über dem gesamten europäischen Teil Russlands bereits kühl, bisweilen sogar frostig. So brachte Hoch ROSI die ersten Minusgrade des nahenden Winterhalbjahres, beispielsweise am 21. und 22.09. in Archangelsk oder am 25.09. im Moskauer Raum.

Über Skandinavien konnte sich Hoch ROSI hingegen nur zögerlich durchsetzen. Trotz steigenden Luftdrucks zu Beginn der 3. Septemberdekade dominierten zunächst noch atlantische Tiefausläufer mit kompakten Wolken und zeitweiligem Regen. Später dann, ab dem 23./24. des Monats, als das Hoch stark genug war diese zu blockieren, bildeten sich gebietsweise zähe Nebel- und Hochnebelfelder aus, vor allem über Schweden, Lappland und Finnland. Hier schob sich die durch die Antizyklone ROSI herantransportierte, kontinentale Warmluft über die feucht-kühle skandinavische Bodenluft, mit der Folge, dass ein Luftmassenaustausch verhinderte wurde. Durch nächtliche Abkühlung bildete sich dann Nebel und Hochnebel, der sich aufgrund windschwacher Verhältnisse tagsüber nicht mehr auflöste. So zeigten sich die letzten Septembertage über Teilen Skandinaviens grau und trüb, bei Maximaltemperaturen von teils unter 10°C. Zum Beispiel stieg die Temperatur in Kiruna in Nordschweden am 23.09. nicht über 9°C an. Abseits der Nebelfelder schien aber verbreitet die Sonne, vor allem in den Skandinavischen Alpen und dessen Lee, entlang Norwegens Westküste. Hier erreichten die Temperaturen Werte von nahe oder an 20°C, gemessen z.B. am 23.09. in Bergen mit 20°C oder am 25.09. in Stockholm mit 19°C.

Auch Mitteleuropa und Deutschland gelangten nun zunehmend in den Einflussbereich von Hoch ROSI, was sich gut am Luftdruckverlauf in Warschau nachvollziehen lässt. Nach anfänglichem Tiefdruckeinfluss um den 22./23. September mit 1014 hPa, stieg der Druck kontinuierlich mit 3 bis 4 hPa pro Tag auf 1032 hPa am 27. September und noch weiter bis auf 1034 hPa einen Tag später. Dennoch präsentierte sich das Wetter zwischen Rhein, Elbe und Weichsel alles andere als man es von einem Hoch vermuten würde, nämlich eher wechselhaft mit wiederholten Schauern. Die Ursache war in der Höhe zu finden, wo sich ein kräftiges Tief vom östlichen Balkan aus langsam nordwestwärts über Deutschland hinweg Richtung Benelux-Staaten schob. Trotz vieler Wolken lag das Temperaturniveau bei angenehmen 15-20°C, mit Sonnenunterstützung auch darüber. Beispielsweise betrugen die Temperaturmaxima am 26.09. in Stuttgart bei 6,5 Sonnenstunden 21°C, in Erfurt waren es bei 2,2 Sonnenstunden noch 16°C und in Lodz bei 4,3 Stunden 19°C. In den Nächten bildete sich, ähnlich wie schon über Skandinavien, in der milden aber zunehmend feuchteren Luft vielerorts Nebel, der sich jedoch im Tagesverlauf, anders als über Schweden und Finnland, rasch wieder auflöste. Mit Tiefsttemperaturen von 12 bis 13°C nördlich der Mittelgebirge und um die 7 bis 10°C südlich davon blieb es für die Jahreszeit recht mild.

Erst ab dem 27. September, als sich das Höhenhoch weitestgehend aufgelöst hatte, setzte sich von Osteuropa langsam freundlicheres Wetter auch bis ins östliche Mitteleuropa durch. Dementsprechend viel Sonnenschein gab es an den letzten Septembertagen vor allem zwischen Polen, Ungarn, dem Baltikum und der Ukraine. Dies belegen auch Satellitendaten des polumlaufenden NOAA-19 Satelliten, die etwa für den 29. September mittags einen nahezu wolkenfreien Bereich zwischen Ostsee, östlichem Mitteleuropa und westlichen Balkan, bis zur Ukraine zeigen. Die Satellitendaten zeigen aber auch weiterhin ausgedehnte Nebelfelder über Schweden und Finnland bis zur Kola-Halbinsel.

Unterdessen erreichte das Hoch ROSI den Höhepunkt seiner Entwicklung, genauer gesagt die größte Ausdehnung. Am Morgen des 28.09. erstreckte sich der Bereich mit einem Luftdruck von über 1040 hPa im Durchmesser mehr als 1000 km weit, von Murmansk bis nach Moskau, von Syktywkar bis Stockholm. Der gesamte Einfluss im Bodenniveau reichte sogar vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer und von den Alpen bis zum Ural. Gleichzeitig wurde um 00 UTC im russischen Vyborg, in Karelien, ein Luftdruck von 1045 hPa gemessen.

Bei den Temperaturen machten sich über Osteuropa sowie dem östlichen Mitteleuropa zum Monatsende zunehmend größere Tag-Nacht-Unterschiede bemerkbar. Kontinentale Kaltluft, die sich mittlerweile über ganz Russland ausgebreitet hatte und die Temperaturen hier nur noch selten über 10°C stiegen ließ, wurde mit Hoch ROSI nun in die östlichen EU-Staaten verlagert. Während tagsüber dank viel Sonnenscheins weiterhin Maxima von allgemein 15 bis 20°C gemessen wurden, macht sich die Kaltluft vor allem in Nächten bemerkbar, die ab dem 28.09. zunehmend kühler wurden. Beispielsweise sank die Temperatur am Morgen des 30. September in Bratislava und Budapest auf 5°C und im ostpolnischen Bialstok bis auf 1°C ab. Ersten leichten Frost gab es in der Ukraine, sowie im rumänischen Siebenbürgen. Dies führte zu durchaus herbsttypischen, großen Differenzen bei der Tages-Nacht-Temperatur von 10 Grad und mehr. Zum Beispiel stieg die Temperatur im polnischen Posen am 30.09. von 5°C am Morgen auf 19°C am Nachmittag, im rumänischen Targu Mures von -1°C bis auf 17°C. Auch wenn die Kaltluft Deutschland kaum mehr erreichte, gab es vor allem im Osten einen markanten Tagesgang der Temperatur. So lagen die Maxima in Berlin-Dahlem am o.g. Tag bei knapp 21°C nach einem nächtlichen Minimum von 8°C.

Mit Beginn des Oktobers begann sich das Hoch langsam, aber allmählich abzuschwächen und ostwärts nach Russland zurückzuziehen. Das lässt sich anhand des Isobarenverlaufs auch im Nachhinein noch gut nachvollziehen. Während die 1025-hPa-Isobare am frühen Morgen des 01.10. im westlichen Teil der Antizyklone noch etwa auf einer Linie Spitzbergen-Oslo-Warschau-Budapest verlief, war sie 2 Tage später bereits nach Murmansk-St. Petersburg-Minsk-Belgrad zurückgewichen.

Wenn auch der Hochdruckeinfluss schwand, so konnte sich noch bis zum 2. Oktober das bisweilen heitere und milde Spätherbstwetter über dem östlichen Mitteleuropa und Osteuropa halten, ehe zum 03. Oktober atlantische Tiefausläufer des Tiefs WOLFGANG mit dichten Wolken und Regen übergriffen. Dabei stieg die Temperatur beispielsweise in Warschau noch am 02.10. bei 8 Stunden Sonne auf 17°C, in Budapest bei 9 Sonnenstunden bis auf 22°C.

Ganz anders gestaltete sich das Wetter im Bereich des Hochdruckzentrums über Russland. Hier dominierte weiterhin die eingeflossene kühle und verhältnismäßig feuchte Subpolarluft. Unter dichten Stratus- bzw. Stratocumuluswolken, aus denen es zeitweilig etwas regnete, erreichten die Temperaturen an den ersten Oktobertagen allgemein 5 bis 8°C, selten noch 10°C. Nachts gab es gebietsweise leichten Frost.

Letztmalig analysiert wurde Hoch ROSI in den Frühstunden des 05. Oktober mit Zentrum über dem Westen Kasachstans. Der Luftdruck betrug hier noch etwas mehr als 1030 hPa. Durch die weitere Ostverlagerung in Richtung des asiatischen Kontinents entschwand es schließlich bis zum Tagesende dem Ausschnitt der Berliner Wetterkarte.


 

geschrieben am 21.11.2017 von Gregor Pittke

Vorschlag BWK: 27.09.2017

Pate: Rosi König