Lebensgeschichte

 

Hochdruckgebiet TILLY

(getauft am 13.05.2017)

 

Die Land-Meer-Verteilung über der Nordhemisphäre sowie die Ablenkung der Westwinde an Gebirgen wie den Rocky Mountains, welche senkrecht zur Strömung von Norden nach Süden verlaufen, sorgen für die Ausbildung von Wellen in der Troposphäre. Diese teilweise stationär liegenden Wellen sind bei der Ausbildung von Hoch- und Tiefdruckgebieten von großer Bedeutung. So befindet sich das sogenannte Azorenhoch als Teil des subtropischen Hochdruckgürtels die meiste Zeit des Jahres über dem Nordostatlantik in der Region der Azoren, von wo aus sich neue Hochdruckzentren abspalten und bis über Europa verlagern. Ein solches Hochdruckzentrum bildete sich im Verlauf des 13. Mai 2017 über Spanien und wurde daher als Prognosetaufe für den kommenden Tag mit dem Namen TILLY belegt.

In der Bodenwetterkarte wurde Hoch TILLY um 01 Uhr MEZ des 14. Mai über Südfrankreich analysiert. Es besaß einen maximalen Druck im Zentrum von etwa 1020 hPa und war über eine Hochdruckbrücke über Spanien mit dem Azorenhoch verbunden. Auch die Ausdehnung des neuen Hochdrucksystems war mit etwa 500 km noch recht gering. Aus diesen Gründen konnte sich der Hochdruckeinfluss, welcher generell zum Absinken der Luft und damit zu Wolkenauflösung führt, noch nicht überall durchsetzen. Zum einen zog die Kaltfront des ausgeprägten Tiefs ALEXANDER, welches sich südlich von Island befand, über Nordfrankreich. Zum anderen bildeten sich in der subtropischen Luftmasse über Südfrankreich, Süddeutschland und Italien, wohin sich die Antizyklone TILLY im Verlauf des Tages ausbreitete, teils kräftige Gewittersysteme. Ein maßgeblicher Faktor war dabei die bereits recht kräftige Maisonne, welche im Bereich des Hochdruckeinflusses ungehindert die untersten Luftschichten aufheizen und damit für genügend Labilität als Voraussetzung für die Gewitter sorgen konnte. In Karlsruhe wurden beispielsweise über 9 Stunden, in Marseille 10 Stunden und in Bozen 8 Stunden Sonne registriert. Weiter in Richtung Spanien, wo sich auch später am Tag keine Cumuluswolken bildeten, konnten wie in Madrid sogar an die 13 Stunden Sonnenschein verzeichnet werden. Wie üblich für Gewitter waren die gemessenen Niederschlagsmengen lokal sehr unterschiedlich. Mehr als 25 l/m² in der 24-stündigen Summe bis 07 Uhr MEZ des Folgetages wurden aber nur an einigen deutschen Stationen gemessen, wie am Flughafen in Stuttgart mit 26,2 l/m², in Westerstede mit 27,4 l/m², in Berkenbrück mit 27,3 l/m², in Villingen-Schwenningen mit 27,5 l/m² und in Naundorf mit 29,3 l/m². Im Alpenraum wurden die Gewitter durch orographische Hebung am Gebirge unterstützt und sorgten im selben Zeitraum für bis zu 33,6 l/m² im norditalienischen Pens und 39 l/m² in Puntijarka bei Zagreb.

Bis 01 Uhr MEZ am 15. Mai hatte sich der zentrumsnahe Druck von Hoch TILLY auf ungefähr 1027 hPa verstärkt und die Ausdehnung in Nord-Süd- sowie in Ost-West-Richtung auf rund 1200 km vergrößert. Von Westen griffen an diesem Tag die Fronten eines weiteren Tiefdruckwirbels bei Irland auf die westeuropäische Küste über, während sich über dem östlichen Alpenraum, Tschechien und Umgebung weitere Gewitter entwickelten. In 12 Stunden bis 19 Uhr MEZ sorgten diese an der ältesten meteorologischen Bergstation der Welt auf dem Hohenpeißenberg für 19,6 l/m². Zwischen den Fronten im Westen und Gewittersystemen im Osten schien durch Hoch TILLY und die Hochdruckbrücke über Spanien in Trier 14,5 Stunden, in Lyon 14 Stunden und in Sevilla 12 Stunden lang die Sonne. Da der Wind um Hochdruckgebiete antizyklonal, also im Uhrzeigersinn weht, wurde auf der Westseite des Systems TILLY milde Subtropikluft nach Norden geführt. Durch diese sogenannte Warmluftadvektion und die starke Sonneneinstrahlung konnte beispielsweise am Flughafen von Saragossa eine Maximaltemperatur von 31,1°C registriert werden. In Paris waren es noch 24,9°C und in Koblenz 23,6°C.

Mit einem Druck von knapp über 1030 hPa wurde die Wetterlage in Zentraleuropa ab dem Morgen des 16. Mai gänzlich von der Antizyklone TILLY kontrolliert. Der Hauptbereich lag mit einer Ausdehnung von 700 km über Süddeutschland, wobei sich der Hochdruckeinfluss Richtung Südwesten über Frankreich, Spanien sowie das westliche Mittelmeer und nach Osten bis über die Ukraine ausdehnte. So herrschte in Mitteleuropa freundliches, wolkenarmes Wetter mit den maximal möglichen 14,5 Stunden Sonne in Nürnberg und Stuttgart. Über Norddeutschland zog an diesem Tag jedoch eine Warmfront mit dichter Bewölkung, sodass bereits in Eisenach nur noch 5 Stunden und in Bremen gar keine Sonne verzeichnet wurden. Das weitere Vordringen der warmen Subtropikluft auf der Rückseite des Hochs TILLY sorgte nun auch in Deutschland für sommerliche Temperaturen über 20°C. Besonders in West- und Südwestdeutschland wurde mit bis zu 28°C in Trier und Euskirchen verbreitet die Schwelle für einen Sommertag überschritten, wofür ein Tagesmaximum von mindestens 25°C benötigt wird. Auch im Temperaturfeld zeigten sich die Auswirkungen der unterschiedlichen Sonnenscheindauern. Unter der dichten Wolkendecke über Norddeutschland blieben die Temperaturen unter 20°C. An den Küsten, wie in Rostock, wurden sogar nur 14,4°C gemessen.

In der Nacht zum 17. Mai begann sich Hochdruckgebiet TILLY bereits abzuschwächen und mit einem weiteren Hoch über Skandinavien zu verbinden. In der Bodenwetterkarte von 01 Uhr MEZ wurde der Kern mit ungefähr 1025 hPa über Tschechien analysiert, sodass in den angrenzenden Regionen noch freundliches Wetter auftrat, wie zum Beispiel in München mit 14,5 Stunden Sonne und über 25°C.

Bis zum Folgetag wurde Hoch TILLY schließlich vom umfangreichen Osteuropahoch URSEL aufgenommen und konnte nicht weiter als eigenständige Antizyklone auf der Berliner Wetterkarte verzeichnet werden.

 


Geschrieben von am 13.07.2017 von Jannick Fischer

Berliner Wetterkarte: 15.05.2017

Pate: Tilly Metz