Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet BERGIT

(getauft am 02.06.2012)

 

Am 1. Juni 2012 bildete sich über den Britischen Inseln aus einer Welle ein Tiefdruckgebiet, das zwischen dem Islandhoch QUENTIN und einem unbenannten Hoch über Frankreich lag. Dieses Tief wurde bereits am nächsten Tag auf den Namen BERGIT getauft. Da es zwischen mehreren anderen, großräumigen Tiefdruckgebieten lag, war noch kein eindeutiger Kernbereich mit geschlossenen Isobaren, also Linien gleichen Druckes, ausgeprägt. Im Bereich des Tiefdruckzentrums über den Britischen Inseln herrschte ein Luftdruck von ungefähr 1018 hPa. Das Zentrum des Tiefs BERGIT war gekennzeichnet durch das Zusammentreffen einer bis nach Belgien verlaufenden Warmfront und einer bis über den Westen Irlands reichenden Kaltfront. Beide genannten Luftmassengrenzen hatten Anschluss zu weiteren Fronten der umgebenden Tiefdruckgebiete. Insbesondere die Britischen Inseln wurden von den Niederschlagsgebieten des Tiefs BERGIT beeinflusst. So fielen bis zum Morgen des Folgetages im irischen Shannon 42 Liter Regen pro Quadratmeter, und auf der vor der Westküste Irlands liegenden Insel Valentia wurden 24 l/m² registriert.

Bis zum nächsten Tag hatte sich ein deutlicherer Kern des Tiefs BERGIT über dem Süden von Irland und Wales gebildet, in dem ein Luftdruck von etwas unter 1005 hPa gemessen wurde. Von dort ging eine Luftmassengrenze nach Westen aus, die am Boden als Kaltfront, und in der Höhe als Okklusionsfront, also als eine Mischfront mit Warm- und Kaltfronteigenschaften, ausgeprägt war und bis knapp südlich von Grönland reichte. Nach Osten zog sich, vom Tiefdruckzentrum ausgehend, eine weitere kurze Okklusionsfront bis nach Südengland. Dort trafen sich eine über Nordfrankreich, quer über die Alpen und bis zum nördlichen Schwarzen Meer verlaufende Warmfront und eine über dem Westen Frankreichs liegende und dann einen Bogen über die Iberische Halbinsel beschreibende Kaltfront. Am Beispiel Deutschlands sieht man, wie scharf ausgeprägt die Warmfront war. Während in Bad Salzuflen im Osten Nordrhein-Westfalens eine Höchsttemperatur von 9,1°C erreicht wurde, stieg das Quecksilber im mittelfränkischen Weißenburg in Bayern auf 23,3°C. Die mit den Fronten verbundenen Niederschlagsgebiete waren weiterhin teils ergiebig. So kamen in 6 Stunden bis zum Mittag in Nordrhein-Westfalen örtlich über 10 l/m² zusammen, und bis zum Morgen des 4. Juni wurden innerhalb von 24 Stunden im österreichischen Innsbruck 50 l/m² und im schweizerischen Locarno 62 l/m² registriert. Inzwischen hatte der Wirbel BERGIT drei Zentren ausgebildet, von denen eines, BERGIT I, mit einem Kerndruck von etwas unter 1010 hPa über Südengland lag. Von dort erstreckten sich zum einen eine Okklusionsfront bis zur südlichen Irischen See, und zum anderen eine Okklusionsfront über Belgien und die Mitte Deutschlands bis über den Süden Polens, wo sich das Teiltief BERGIT II mit einem Kerndruck von ca. 1005 hPa befand. Dort trafen sich eine Warmfront, die bis zum nördlichen Schwarzen Meer verlief, und eine Kaltfront, die bis über die österreichischen Alpen reichte. An diesem Punkt ging sie in die Warmfront des über dem Nordwesten Italiens gelegenen Teiltiefs BERGIT III über, von wo eine Kaltfront über das Mittelmeer entlang der korsischen Westküste bis östlich der Balearen verlief. Das Teiltief BERGIT III besaß, wie auch der Kern BERGIT I, einen Druck von etwa 1010 hPa. Die höchsten Niederschlagsmengen bis zum Morgen des Folgetages wurden in Deutschland mit 25 l/m² innerhalb von 24 Stunden auf dem Brocken im Harz erreicht, was auch europaweit in der Spitzengruppe lag. Ähnlich hohe Werte gab es beispielsweise im slowenischen Ljubljana
mit 23 l/m². Am 5. Juni waren zwei Teiltiefs aktiv, die beide gewissermaßen vor dem skandinavischen Tief ANNETTE und dem über Frankreich liegenden Hoch ROLF hergeschoben wurden. Das Tief BERGIT I lag mit seinem Kern über dem Osten Deutschlands und besaß weiterhin einen Luftdruck von knapp 1010 hPa. Der Einflussbereich des Tiefs BERGIT II erstreckte sich hingegen über große Teile des Balkans, der Adria und der angrenzenden Gebiete. Auch dort betrug der Kerndruck etwas unter 1010 hPa. Jeweils an die Teiltiefs nach Nordosten anschließend verliefen Warmfronten, die bis über den Norden Polens sowie über das europäische Russland und den südlichen Ural hinaus nach Westsibirien reichten. Jeweils südwestlich der Teiltiefs erstreckten sich Kaltfronten, die sich bis nach Westfrankreich, sowie nach Slowenien zogen. Besonders im Bereich des Teiltiefs BERGIT II waren auch Gewitter aktiv. Während die Temperatur im sächsischen Chemnitz 11,8 °C erreichte, lag die Höchsttemperatur im russischen Wolgograd bei heißen 32°C. Im kroatischen Zagreb kamen bis zum Morgen des Folgetages 15 l/m² in 24 Stunden zusammen. Mittlerweile hatte sich der Tiefdruckkomplex BERGIT weiter nach Osten verlagert,  und es gab am 6. Juni einen einzigen Kern, der mit etwas unter 1005 hPa über der Ukraine lag. Nach Nordosten schloss sich eine über Russland bis zum südlichen Ural verlaufende Warmfront an, an der es örtlich zu Gewittern kam. Südlich des Tiefdruckzentrums des Wirbels BERGIT verlief eine Kaltfront, die über Moldawien und Rumänien reichte und dann einen Bogen über Bulgarien und den Süden des ehemaligen Jugoslawiens zur Adria beschrieb. Über der nördlichen Adria ging diese Kaltfront in die Warmfront des über den Britischen Inseln gelegenen Tiefs CHRISTIANE über. Auch die Kaltfront war gebietsweise von Gewittern begleitet. Die Temperaturunterschiede im Osten Europas waren weiterhin teils sehr groß, im serbischen Belgrad wurden 22°C erreicht und in Wolgograd 33°C. Starke Niederschläge gab es unter anderem im 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Rjasan, wo innerhalb von 12 Stunden in der Nacht zum 7. Juni 36 l/m² fielen. An diesem Tag lag das Zentrum des Tiefs BERGIT mit einem Kerndruck von etwas unter 1005 hPa über der östlichen Ukraine und dem südlichen Russland. Nordöstlich von Kiew trafen eine wenige hundert Kilometer über Moskau hinaus reichende Warmfront und eine über Südrussland bis zum Ural reichende Warmfront zusammen. Südlich daran anschließend verlief eine Kaltfront über die Krim, das Schwarze Meer und die zentrale Türkei zum Mittelmeer bis vor die Westküste Zyperns. Wiederum erreichte die Temperatur in Wolgograd ein Maximum von 33°C, während in Moskau eine Höchsttemperatur von 17°C registriert wurde.

Am 8. Juni lag das Zentrum des Wirbels BERGIT knapp südwestlich von Moskau. Der Kerndruck hatte sich wieder etwas auf unter 1000 hPa verstärkt. Zwischen Moskau und dem weißrussischen Minsk verlief eine Okklusionsfront, an deren östlichem Ende eine bis über den Norden Russlands verlaufende Warmfront und eine in einem Bogen über Südrussland und das östliche Schwarze Meer bis zur nördlichen Türkei reichende Kaltfront zusammentrafen. Besonders im Bereich des Tiefdruckkerns und der Okklusionsfront kam es erneut zu Schauern und Gewittern.

Am nächsten Tag hatte das Tiefdruckgebiet BERGIT seine Position bei gleichbleibendem Druck nur leicht nach Norden verlagert. Wiederum war eine nach Nordosten verlaufende Warmfront zu erkennen, die bis zum nördlichen Ural reichte und in die Kaltfront eines Tiefs über Westsibirien überging, außerdem zog sich etwa entlang der Wolga eine Kaltfront nach Süden bis über die südlichen Landesteile Russlands. Westlich des Urals entlud sich die warme Luft örtlich in Gewittern. Am folgenden Tag war der Wirbel BERGIT noch ein Stück weiter über den nördlichen Teil des europäischen Russlands bis vor den Ural vorangekommen. In seinem Kern lag der Luftdruck weiterhin knapp unter 1000 hPa. Lagen die Höchsttemperaturen im äußersten Osten Europas mit 13°C in Archangelsk im nördlichen Russland sowie mit 25°C im ukrainischen Odessa am Schwarzen Meer am Vortag noch sehr weit auseinander, näherten sich die Höchstwerte am 10. Juni mit 18°C in Archangelsk und 22°C in Odessa deutlich an.

Am 11. Juni war das Tiefdruckgebiet BERGIT mit einem unveränderten Kerndruck über dem nordrussischen Küstenbereich zur Barentssee und zur Karasee zum letzten Mal als eigenes Druckgebilde auf der Berliner Wetterkarte zu erkennen. Selbst in Workuta nördlich des Polarkreises stieg die Temperatur dank der aus südlichen Breiten herangeführten sehr warmen Luft und unterstützt durch die rund um die Uhr über dem Horizont stehende Sonne, auf 28,2°C. Östlich des Urals auf der sibirischen Seite gab es gebietsweise Gewitter. In den folgenden Tagen zog das Tiefdruckgebiet weiter nach Osten und verließ somit den Analysebereich der Berliner Wetterkarte.

 


Geschrieben am 12.07.2012 von Heiko Wiese

Berliner Wetterkarte: 04.06.2012

Pate: Bergit Jusko