Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet ENGEL

(getauft am 15.12.2014)

 

Die sogenannte Polarfront zwischen den Luftmassen der Subtropen im Süden und polarer Luft im Norden ist meist gekennzeichnet durch eine starke Druckdifferenz zwischen vorherrschendem tiefem Druck an den Polen und hohem Druck in der Subtropenregion. Der Verlauf dieser Front ist im Allgemeinen jedoch nicht gerade, sondern wellenförmig um die Erde. Wellentäler in der Höhenkarte werden dabei als Tröge bezeichnet, Wellenberge als Keile.

Eine eben solche Welle bestimmte am Morgen des 15. Dezember 2014 die Wetterlage in Mitteleuropa. In etwa 5,5 km Höhe erstreckte sich ein langwelliger Keil beinahe über dem gesamten Nordatlantik, während eine trogartige Struktur von Nordeuropa bis Marokko reichte. Gleichzeitig verlagerte sich ein von Nordostkanada ostwärts ziehendes Tiefdruckgebiet in den Analysebereich der Berliner Wetterkarte und wurde in der Prognose für den Folgetag auf den Namen ENGEL getauft.

Zum Nachttermin um 01 Uhr MEZ des 16. Dezembers befand sich das Bodentief ENGEL dann etwa 300 km östlich der Südspitze Grönlands. Vom Kerngebiet mit einem Druck von etwa 990 hPa führte eine Warmfront Richtung Südosten und verband sich südwestlich von Irland mit dem Frontensystem einer kleinen Zyklone über der Biskaya. Nach Südwesten verliefen zwei kurz nacheinander verlaufende Kaltfronten in einem leichten Bogen bis zu einem kleineren Tief ungefähr 800 km südlich von Neufundland.

Da mit trogvorderseitiger Heranführung von polarer Kaltluft im Gebiet der Zyklone ENGEL ideale Voraussetzungen für eine Tiefdruckentwicklung gegeben waren, verstärkte sich der Wirbel bis zum Morgen des Folgetages bis auf einen Kerndruck von 950 hPa. Eine intensive Tiefdruckentwicklung wird in der synoptischen Meteorologie auch als Bombogenese bezeichnet. Damit waren auch der horizontale Druckgradient, also der Betrag der Druckänderung, und dadurch der Wind sehr stark ausgeprägt. In der Nähe des Kerns bei Westisland wurden Spitzenböen über 100 km/h, also Stärke 10 auf der Beaufortskala erreicht, womit die Bezeichnung Sturmtief ENGEL zutraf. Die Kaltluft hatte derweil die Warmfront weitgehend eingeholt und dabei die warme Luft angehoben, wodurch eine Okklusionsfront entstand. Diese verlief um 01 Uhr MEZ vom Kern in einem leichten Bogen über Island nach Südosten bis zum Okklusionspunkt über Nordengland. Von dort trennte sich das Frontensystem in eine Kaltfront Richtung Westen und eine Warmfront nach Süden über die Biskaya bis Portugal auf. Das Frontensystem des Sturmtiefs ENGEL erzeugte besonders in der Nacht zum 17. Dezember einige nennenswerte 24-stündige Niederschlagsmengen bis 07 Uhr MEZ, wie beispielsweise 15,5 Liter pro Quadratmeter in Dalatangi auf Island oder 8,0 Liter pro Quadratmeter am Flughafen London-Heathrow.

Bis zum Nachttermin des 18. Dezembers verweilte der Kern des Wirbels ENGEL mit unter 960 hPa über Island, während sich die angehobene Okklusion bis über Schweden und das übrige Frontensystem über Großbritannien Deutschland und Frankreich vorschob. Dabei fielen maximal 14,2 Liter pro Quadratmeter an der Station in Waibstadt im nördlichen Kraichgau.

Bis zum Morgen des 19. Dezembers schwächte sich das Tief ENGEL auf einen Kerndruck von ungefähr 970 hPa etwas ab und verlagerte sich nur leicht nach Osten bis etwa 500 km östlich von Island. Als Teil des Frontensystems kam einzig die Warmluft in Form einer doppelten Warmfront über Mitteleuropa voran. Verbreitet wurden 10°C überschritten. In Bad Kreuznach wurden sogar 14,4°C und in Bad Neuenahr 14,5°C erreicht. Dabei kam es bedingt durch die Heranführung warmer subtropischer Meeresluft und daraus resultierender Hebung immer wieder zu Nieselregen und leichtem Regen. In der Nacht verstärkte sich der Regen vor allem im Norden Deutschlands mit Annäherung der Kaltfront, wobei zum Beispiel in Itzehoe 23 Liter pro Quadratmeter fielen.

Auf der Analysekarte der Berliner Wetterkarte hatten sich am Morgen des 20. Dezembers über Skandinavien zwei bestimmende Kerne gebildet. Das Teiltief ENGEL I über der norwegischen Atlantikküste und das Teiltief ENGEL II über Finnland. Durch die zyklonale Rotation in einem Tiefdruckgebiet, also gegen den Uhrzeigersinn gerichtet, wurde auf der Südseite des Systems mit starker westlicher Windströmung maritime Polarluft nach Mitteleuropa geführt. Die östliche Warmfront und Okklusion des Teiltiefs ENGEL II waren nur noch schwach ausgeprägt. Im Bereich des Kerns der Zyklone ENGEL I bildete sich außerdem Richtung Westen verlaufend eine weitere Kaltfront.

Am Vormittag entstand aufgrund der labil geschichteten Atmosphäre hoch reichende konvektive Bewölkung über Norddeutschland, die sich zu einer mehrere Hundert Kilometer langen Gewitterlinie mit Schnee und Graupelschauern ausbildete, wobei die Temperatur in diesem Bereich beim Durchzug der Unwetter von 7 auf 1°C absank. So meldeten bereits um 13 Uhr MEZ in der Prignitz mehrere Wetterstationen nur noch 1°C.

Am Morgen des 21. Dezembers hatte sich diese Konvektion größtenteils aufgelöst. In der Bodenwetterkarte wurde nur noch ein einzelner Kern der Zyklone ENGEL mit etwa 980 hPa südwestlich des Weißen Meeres analysiert und das Frontensystem war weiter über Osteuropa gezogen. So verlief vom Kern zunächst die Okklusion in einem Bogen Richtung Südosten und vom Okklusionspunkt etwa 500 km südwestlich von Moskau eine Warmfront nach Süden und eine Kaltfront nach Südwesten über das schwarze Meer bis Ungarn. Die Niederschlagsaktivität im Einflussbereich der Zyklone ENGEL war an diesem Tag eher gering und der Niederschlag fiel größtenteils als Schnee. So reichte es nur stellenweise für Mengen von 6,5 Liter pro Quadratmeter wie an der ukrainischen Station in Konotop.

Zum 22. Dezember teilte sich die Tiefdruckzone ENGEL noch einmal in zwei Kerne mit jeweils etwa 985 hPa bzw. 990 hPa Kerndruck auf, welche weiter Richtung Nordwesten zogen. Diese waren mit ihren Frontensystemen jedoch kaum noch für den europäischen Raum wetterbestimmend. Im Laufe des 23. Dezember und am Heiligabend verlagerte sich das Tief ENGEL mit östlicher Zugrichtung schließlich aus dem Darstellungsraum der Berliner Wetterkarte und konnte somit nicht weiter namentlich verzeichnet werden.

Insgesamt legte das Tiefdruckgebiet ENGEL damit etwa 6000 km im Darstellungsraum der Berliner Wetterkarte zurück und sorgte dabei für hohe Windgeschwindigkeiten und Niederschlägen in der Nordhälfte Europas.

 


Geschrieben am 28.12.2014 von Jannick Fischer

Berliner Wetterkarte: 18.12.2014

Pate: Andrea Engel Trommer