Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet GERD

(getauft am 31.12.2015)

 

Im Verlauf des 30. Dezembers 2015 verlagerte sich ein Tiefdruckgebiet im Bodenniveau von der Ostküste der USA kommend in den Analysebereich der Berliner Wetterkarte. Diese Zone tiefen Luftdruckes befand sich auf der Rückseite eines dazu korrespondierenden, sich in 5,5 km Höhe über dem Nordatlantik befindenden, Langwellentroges, also einem Vorstoß kalter Luftmassen nach Süden im 500-hPa-Niveau. Gestärkt durch den nahezu stationären, also über dem Nordatlantik verweilenden, Höhentrog zog das Tiefdruckgebiet mit westlicher Höhenströmung etwa 2000 km ostwärts über den Nordatlantik und sollte im weiteren Verlauf Einfluss auf das Wetter in Europa nehmen. Daher wurde diese Zyklone am 31. Dezember in der Analyse auf den Namen GERD getauft. Der Kerndruck des Wirbels GERD vertiefte sich innerhalb von 24 Stunden von anfänglich knapp unter 1015 hPa bis auf etwa 1005 hPa am Tauftag um 00 Uhr UTC, was 01 Uhr MEZ entspricht. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kern knapp 2000 km südlich von der Südspitze Grönlands entfernt auf derselben Breite wie Madrid. Die Warmfront verlief bogenförmig etwa 900 km nach Südwesten und die Kaltfront erstreckte sich vom Kern zunächst nach Südwesten, dann nach Westen, wo sie etwa 1000 km südlich der kanadischen Halbinsel Nova Scotia in die Warmfront des über der Stadt Washington liegenden Tiefdruckgebietes HELMUT überging. Im Verlauf des letzten Jahrestages 2015 überquerte die Zyklone GERD mit seinem Frontensystem die Azoren und sorgte auf der Insel Flores bis zum darauffolgenden Morgen um 06 Uhr UTC innerhalb von 24 Stunden für eine Niederschlagsmenge von 28 l/m, auf der Insel Terceira für 11 l/m und auf der südöstlichsten Insel Santa Maria für 0,8 l/m Niederschlag.

Um 00 Uhr UTC des 01. Januars 2016 befand sich Tief GERD mit einem verstärkten Kerndruck von etwa 985 hPa circa 1000 km westlich vor der Nordküste Spaniens und bildete sich zu einem Sturmwirbel aus. Ein Sturmtief wird als solches bezeichnet, sobald es Bodenwinde der Stärke 9 auf der Beaufortskala, also Winde ab einer Geschwindigkeit von 75 km/h, hervorbringt. Ein Teil der zu diesem Zeitpunkt sehr deutlich ausgeprägten Zyklone GERD war bereits okkludiert. Die sehr kurze Okklusionsfront verlief den Kern umlaufend etwa 200 km nach Süden. Die Warmfront zog sich vom Okklusionspunkt bogenförmig zunächst nach Osten und ab der Höhe des spanischen Festlandes bog sie nach Nordosten, wo sie ungefähr über Paris in die Okklusionsfront des westlich von Island liegenden bereits vollständig okkludierten Sturmtiefs ECKARD überging. Die Kaltfront verlief ebenso bogenförmig nach Südwesten und später nach Westen bis sie sich mitten über dem Nordatlantik mit der Warmfront von Tief HELMUT verband. Ein Okklusionspunkt stellt den Ort dar, an welchem die schneller ziehende Kaltfront die vor ihr ziehende Warmfront einholt. Somit entsteht mit der Okklusion ein Frontentyp, der die Eigenschaften von Kalt- und Warmfront in sich vereint. Besonders auffällig war der relativ schmale Warmluftsektor, der den Bereich zwischen Kalt- und Warmfront darlegt. In diesem Bereich wurden mit südwestlichen Winden maritime warm-feuchte Luftmassen subtropischen Ursprungs herangeführt und somit die kühleren, sich vor Tief GERD befindenden maritimen Subpolarluftmassen verdrängte. Im Tagesverlauf zog der Sturmwirbel GERD nordostwärts auf Höhe des Keltischen Meeres bis über die Küste Südenglands und Irlands, so dass sein dazugehöriges Frontensystem Portugal, Spanien, Westfrankreich sowie die Britischen Inseln beeinflusste. Dabei blieb es entlang der Fronten ein stark bewölkter und teils verregneter Tag, wo an den nördlichen spanischen, portugiesischen und französischen Stationen keine Sonnenstunden registriert wurden, wie beispielsweise in Leon, Vigo und Paris. Dennoch lockerte die Wolkendecke nach dem Kaltfrontdurchgang in der postfrontalen Aufheiterungszone an der Nordküste Spaniens und im Warmluftsektor an der Westküste Frankreichs teilweise auf. So wurden in diesen Regionen 2 bis 5 Sonnenstunden verzeichnet, wie zum Beispiel in Bordeaux mit 4 Stunden Sonnenschein. Die von Tief GERD mitgeführten maritimen feucht-warmen Luftmassen führten zu für diese Jahreszeit recht milden Temperaturen von bis zu 15°C in Madrid sowie 8°C in Paris, London und Dublin. An den Küsten waren die Temperaturen, verursacht durch die Meereswärme, um 3 bis 4 Grad erhöht, wie etwa 12°C auf den britischen Scilly-Inseln.

Bis um 00 Uhr UTC am 02. Januar brachte das Frontensystem des Wirbels GERD innerhalb von 24 Stunden in Portugal und im nordwestlichen Spanien Niederschlagsmengen von 6 bis 14 l/m, im portugiesischen Viseu sogar 31 l/m. In der Bretagne fielen 3 l/m an der Station in Brignogan und bis zu 8 l/m in Brest. In Irland sowie Großbritannien wurden die höchsten Werte an Küstenorten wie beispielsweise 25 l/min Cardinham und 31 l/m in Cork im gleichen Zeitraum gemeldet. Ebenso wurden Spitzenböen beim Frontendurchgang von Sturmwirbel GERD an den Küsten Portugals mit 50 bis 63 km/h, an der südirischen und südenglischen Küste mit bis zu 86 km/h auf Sherkan Island und 98 km/h auf den Scilly-Inseln und sogar 128 km/h an der bretonischen Küste gemessen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Sturmtief GERD mit gleichgebliebenem Luftdruck über dem Keltischen Meer und beeinflusste im Tagesverlauf das Wettergeschehen auf Großbritannien, Irland, Frankreich und in Ansätzen auch Westdeutschland. Die Okklusionsfront verlief vom Kern nach Südosten, wo sie in etwa auf der Höhe von La Rochelle in die Kaltfront überging, welche sich anschließend bogenförmig über Bordeaux, Madrid und Sevilla bis über den Nordatlantik erstreckte. Bedingt durch das Frontensystem vom Sturmtief GERD wurden an keiner Station in Irland und Großbritannien Sonnenstunden gemeldet. Ebenso wenig schien in ganz Deutschland sowie an der Nordküste und im Osten Frankreichs die Sonne. Nur im Westen Frankreichs konnten nach Frontendurchgang 1 bis 4 Sonnenstunden, z.B. 3 Stunden Sonne in Tours, verzeichnet werden. An der bretonischen Küste Nordfrankreichs wurde im Vergleich zum Vortag eine neue Spitzenböe von 139 km/h auf der französischen Insel Ouessant registriert.

Bis zum 03. Januar um 00 Uhr UTC wurden an den Küsten Großbritanniens und Irlands 7 bis 15 l/mund im Landesinneren 3 bis 6 l/mgemessen. In Frankreich wurden die höchsten Niederschlagsmengen ebenso an der Nordküste mit 14 bis 18 l/mregistriert. In Deutschland fielen im Südwesten im gleichen Zeitraum Niederschlagsmengen von 4 bis 12 l/m, so wurden beispielsweise 9 l/m am Frankfurter Flughafen gemeldet. Der Einfluss der milden Luftmassen bewirkte einen deutlichen Temperaturunterschied der Höchstwerte zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands. So wurden an diesem Tag in Angermünde -4°C gemeldet, während in Stuttgart und am Flughafen Köln/Bonn bereits je 5°C als Maximaltemperatur registriert wurden. Das Sturmtief GERD schwächte sich dabei deutlich ab. So befand sich um 00 Uhr UTC die Zyklone mit einem Kerndruck von circa 1000 hPa ein paar Kilometer nordöstlich von London. Zu diesem Zeitpunkt war das Tief GERD bereits vollständig okkludiert. Die Okklusionsfront verlief südostwärts vom Kern über Amsterdam, Köln, Stuttgart sowie über die österreichischen und italienischen Alpen bis sie in etwa über Bologna in den Kern eines unbenannten Tiefdruckgebietes überging.

Das ehemalige Sturmtief GERD löste sich, auch bedingt durch den anwachsenden Einfluss des von Westen heranziehenden Tiefdrucksystems HELMUT, in den Vormittagsstunden weitgehend auf und wurde somit nach 4 Tagen Wetteraktivität mit nordöstlicher Zugbahn über Westeuropa am 03. Januar das letzte Mal auf der Berliner Wetterkarte namentlich erwähnt.

 


Geschrieben am 22.02.2016 von Lisa-Marie Schulze

Berliner Wetterkarte: 02.01.2016

Pate: Gerd Ostermann