Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet HEIKO

(getauft am 04.06.2019)

 

Am 4. Juni 2019 wurde in der Prognosekarte der Berliner Wetterkarte für den 5. Juni ein Tiefdruckgebiet auf den Namen HEIKO getauft. Es sollte sich mit einem Kerndruck von knapp unter 1005 hPa etwas östlich des zentralen Frankreichs an einer verwellten Luftmassengrenze bilden, die von dem Tiefdruckgebiet GEBHARD über den Britischen Inseln ausgehen und über Südskandinavien bis zum westlichen Mittelmeer verlaufen sollte.

In der Bodenkarte des 5. Juni wurde das Tief GEBHARD bei den Britischen Inseln analysiert, und eine verwellte Front reichte von der Nordsee, in etwa der Prognose des Vortages entsprechend, bis nach Südwesteuropa. Im Detail gab es aber, wie so häufig, Unterschiede zwischen der vorhergesagten Lage der Druckgebilde und Fronten und den tatsächlichen meteorologischen Bedingungen, und so befand sich das Wellentief HEIKO, das sich in Verbindung mit einer vom westlichen Ausgang der Biskaya bis zur Nordwestspitze der Iberischen Halbinsel fortschreitenden Kaltluftzufuhr in höheren Luftschichten bildete, nicht über Frankreich, sondern mit einem Luftdruck von unter 1010 hPa über Ostspanien. In nordöstlicher Richtung reichte die erwähnte Luftmassengrenze als Warmfront über die Pyrenäen bis in den Südwesten von Frankreich, um weiter nordöstlich bis nördlich als Kaltfront in Richtung des Tiefdruckgebietes GEBHARD zu verlaufen. Südlich bis südwestlich des Tiefdruckgebietes HEIKO zog sich eine Kaltfront über Ost- und Südspanien bis ungefähr bis zur Straße von Gibraltar, um nach einem kurzen Stück über das marokkanische Festland nach Südwesten bis Westen über den Atlantik und südlich von Madeira bis etwa 800 km südwestlich dieser zu Portugal gehörenden Inselgruppe zu verlaufen. Bis zum Mittag gab es 6-stündig den stärksten Niederschlag mit 29 l/m² im südwestfranzösischen Oloron-Sainte-Marie. Bis zum Abend lag die höchste 12-stündige Niederschlagssumme bei 40 l/m² in Socoa im französischen Teil des Baskenlandes. Nachdem vormittags etwa 2 bis 5 l/m² im Raum Paris fielen, kamen dort insgesamt 12-stündig bis zum Abend etwa 10 bis 15 l/m² zusammen. In Nemours, ungefähr 70 km südöstlich der französischen Hauptstadt, stieg die Temperatur unter den Regenwolken im Frontenbereich des Tiefdruckgebietes HEIKO am 5. Juni lediglich auf 14,8°C, während es dort am Vortag mit einer Höchsttemperatur von 30,5°C einen Heißen Tag gegeben hatte. Abends wurden im nordfranzösischen Fontaine-les-Vervains Spitzenböen von 122 km/h, was Stärke 12 auf der Beaufort-Skala entspricht und als Orkanböe bezeichnet wird, in Verbindung mit kräftigen Schauern und Gewittern gemessen. In der Nacht zum 6. Juni verlagerte sich das Tief HEIKO zusammen mit seinen Niederschlagsgebieten nach Nordosten, so dass in der ersten Nachthälfte 6-stündig bis zu 34,5 l/m² im luxemburgischen Elwen erreicht wurden, knapp gefolgt von 34,4 l/m² in Winterspelt in Rheinland-Pfalz. Beim 24-stündigen Niederschlag bis zum Morgen des 6. Juni lag der höchste Wert mit 40,0 l/m² in Socoa, mit anderen Worten konnte keine andere Wetterstation die dort, siehe oben, schon in 12 Stunden am Vortag gemessene Niederschlagsmenge erreichen oder überschreiten.

Am Morgen des 6. Juni befand sich das Tiefdruckgebiet HEIKO mit seinem Kern über dem Nordwesten Deutschlands, wo der Luftdruck bei etwas unter 1005 hPa lag. Einerseits war das Tiefdruckgebiet HEIKO durch Warm- bzw. Okklusions-, also Mischfronten mit Warm- und Kaltfronteigenschaften, mit den Teiltiefs GEBHARD I zwischen Irland und Schottland sowie GEBHARD II vor der norwegischen Westküste knapp südlich des nördlichen Polarkreises verbunden. Andererseits zog sich eine verwellte Luftmassengrenze in südöstlicher bis südlicher Richtung, vom Tiefdruckgebiet HEIKO ausgehend, als Kaltfront bis südlich der Westalpen nach Norditalien, um in die Warmfront eines unbenannten Tiefdruckgebietes über dem Golf von Genua überzugehen. Bis zum Mittag wurden die kräftigsten, dem Tiefdruckgebiet HEIKO zuzuordnenden Niederschläge über dem Nordosten Deutschlands registriert. So verzeichnete Nauen in Brandenburg 24,9 l/m², wobei der konvektive, also durch Schauer und Gewitter geprägte und relativ eng begrenzten Starkregen produzierende Charakter der Niederschläge gut daran zu erkennen ist, dass im gleichen Zeitraum an der nahe gelegenen Wetterstation Berge (Havelland) gerade einmal 3,9 l/m² zusammenkamen und im unweit südlich befindlichen Groß Kreutz überhaupt kein Niederschlag fiel. Ähnliches war bei den Nauen in der Rangliste folgenden Niederschlagsmengen im Nordwesten Brandenburgs zu sehen, denn während in Perleberg an einer privaten Messstation 15,3 l/m² und an der Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes 14,8 l/m² zusammenkamen, gab es im knapp nordwestlich gelegenen Karstädt eine Niederschlagssumme von 7,5 l/m² und im östlich von Perleberg liegenden Kuhbier von 0,4 l/m². Bis zum Abend summierte sich der Niederschlag 12-stündig auf bis zu 47,0 l/m² im polnischen Gorzow Wielkopolski (davon 40 l/m² in einer Stunde von 19 bis 20 Uhr MEZ), gefolgt vom brandenburgischen Friedrichswalde mit 38,7 l/m² und Strauch in Sachsen mit 34,8 l/m². Im niederösterreichischen Gutenstein-Mariahilfberg wurden 34,0 l/m² gemessen. Im südnorwegischen Veggli gab es 22,1 l/m².  Interessant ist der Blick auf die deutschlandweite Temperaturverteilung im Vergleich zum Vortag. Am 5. Juni war Berlin-Eiskeller die heißeste Wetterstation mit 35,2°C, während es mit 18,2°C in List auf Sylt genauso kühl war wie auf dem Nebelhorn in den Alpen auf 2070 m Höhe. Am 6. Juni stieg die Temperatur dagegen bis auf 33,1°C auf dem Berliner Insulaner, wogegen aus dem 348 m hoch gelegenen Bad Herrenalb in Baden-Württemberg gerade einmal 12,2°C gemeldet wurden. An der letztgenannten Wetterstation wurde einen Tag zuvor mit 29,4°C das Kriterium für einen Heißen Tag nur knapp verpasst. Beim abendlichen Niederschlag, der mit dem Tiefdruckgebiet HEIKO in Verbindung gebracht werden kann, gab es zwei Schwerpunkte, nämlich Teile von Südskandinavien und der Nordosten bis Osten Deutschlands sowie Tschechien. In Hamar nordöstlich der norwegischen Hauptstadt Oslo fielen in der ersten Hälfte der Nacht zum 7. Juni 6-stündig 31,7 l/m². Das brandenburgische Friedrichswalde kam auf 45,1 l/m², gefolgt von Ceske Budejovice (Budweis) in Tschechien mit 44,0 l/m². Im ebenfalls tschechischen Svratouch kamen alleine in zwei Stunden von 00 bis 02 Uhr MEZ 48 l/m² Niederschlag zusammen. Die drei nassesten Orte bis zum Morgen des 7. Juni anhand der 24-stündigen Niederschlagsmengen waren Friedrichswalde in Brandenburg mit 83,8 l/m², das ebenfalls brandenburgische Rehagen mit 64,7 l/m² und Budweis in Tschechien mit 61,9 l/m².

Der Wirbel HEIKO hatte sich in der Zwischenzeit bis vor die mittelnorwegische Westküste verlagert, wo das Zentrum mit einem Kerndruck von unter 1005 hPa lag. Von dort zog sich eine Okklusionsfront im Uhrzeigersinn erst in westlicher, dann in nördlicher und anschließend in östlicher Richtung bis zum Okklusionspunkt, der ungefähr 250 km westlich von Trondheim lag. Dort zog sich eine nach Nordosten über Nordnorwegen verlaufende und über Lappland östlich bis südöstlich schwenkende Warmfront, über dem nördlichen Karelien in die Kaltfront des Teiltiefs GEBHARD II über der Barentssee übergehend, mit einer Kaltfront wie bei einem Reißverschluss zusammen. Letztere zog sich in südöstlicher bis südlicher Richtung über das zentrale und südliche Norwegen und weiter entlang der schwedischen Westküste, um die Ostsee bis nach Rügen zu überqueren und weiter knapp östlich Berlins und Münchens zu verlaufen und an den Ostalpen zu enden. Bis zum Mittag wurde die höchste 6-stündige, mit dem Tiefdruckgebiet HEIKO in Verbindung zu bringende Niederschlagsmenge aus Norwegen gemeldet, wo in Favang, grob zwischen Oslo und Trondheim, 15,7 l/m² registriert wurden. Bis zum Abend war der 12-stündige Niederschlag in Schweden am höchsten, wo in Hunge südöstlich von Östersund 27,0 l/m² zusammenkamen. In der ersten Hälfte der Nacht zum 8. Juni war es 6-stündig die mittelnorwegische Wetterstation Solendet nahe der Grenze zu Schweden, die mit 17 l/m² die höchste Niederschlagssumme meldete. Gleiches gilt für den 12-stündigen Zeitraum bis zum Morgen des 8. Juni. Die 24-stündigen Niederschlagsmengen bis zu diesem Zeitpunkt eignen sich wegen der recht komplexen Verteilung der teils unbenannten Tiefdruckgebiete und deren Fronten weniger zur Betrachtung des Einflusses des Tiefdruckgebietes HEIKO.

Am 8. Juni war das Tiefdruckgebiet HEIKO mit einem Kerndruck von unter 1005 hPa östlich von Island und südlich der zu Norwegen gehörenden Insel Jan Mayen zum letzten Mal als eigenes Druckgebilde auf der Berliner Wetterkarte zu erkennen. In der Folge übernahm das Tiefdruckgebiet IVAN die Regie über das Wettergeschehen über dem südlichen Skandinavien.