Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet IANTO

(getauft am 27.06.2011)

 

Auf der Vorderseite eines ausgedehnten Kaltlufttroges im 500 hPa – Niveau, das entspricht einer Höhe von ca. 5,5 km, bildete sich am 26.06. östlich vom Scheitelpunkt, über dem Golf von Biskaya, ein neues Tiefdruckgebiet. Dieses Tief wurde am folgenden Tag auf den Namen IANTO getauft. Das Tiefdruckgebiet IANTO war kein gewöhnlicher Wirbel, sondern entstand aus einer Konvergenzlinie. Eine Konvergenzlinie markiert ein langgezogenes Gebiet, in dem Luftmassen zusammenströmen, also konvergieren und dadurch aufsteigen Dabei bilden sich meist Schauer und Gewitter. Die Konvergenzlinie, die mit dem Tief IANTO einherging, erstreckte sich von der Bretagne bis nach Portugal und ging der lang gezogenen Kaltfront des Vorgängertiefs HARRY voraus. Der Kerndruck lag bei ca. 1015 hPa.

Südöstlich von Tief IANTO strömte aufgrund der nordöstlichen Zugrichtung heiße und trockene Luft von Nordafrika zur Iberischen Halbinsel. Dadurch stieg die Höchsttemperatur in Madrid und Sevilla auf 38 bzw. 39°C. Aber auch in Bordeaux und Paris wurden mit 37 bis 38°C sehr heiße Höchstwerte erreicht.

Im weiteren Verlauf wurde die Luftmasse von Frankreich zu den Benelux-Staaten hin immer feuchter, sodass sich schon in der Nacht zum 28.06. blitzreiche Gewitter von den Pyrenäen bis zum Ärmelkanal entluden. Im Tagesverlauf bildeten sich neue Gewitterzellen, insbesondere über den Niederlanden und Belgien, die z. B. mit 28 l/m² in Brüssel, 30 l/m² in Antwerpen, 35 l/m² in Eindhoven und sogar 38 l/m² in Den Helder deutlich intensiver ausfielen, als in der vorherigen Nacht. Vor dieser Gewitterfront stiegen die Höchsttemperaturen nochmals verbreitet über 35°C. Hinter der Front wurden nur noch Höchstwerte von teilweise unter 20°C gemessen, wie beispielsweise in Bordeaux. Am 29.06. erstrecke sich die Konvergenzlinie des Tiefs IANTO von der Nordseeküste im Bereich der deutsch-niederländischen Grenze exakt in Richtung Süd bis in den Raum Genf. Das Zentrum lag dabei über Helgoland mit weiterhin 1015 hPa. Die kurze Warmfront reichte bis nach Südnorwegen, die Kaltfront allerdings bis zu den Pyrenäen. Mit Höchstwerten bis 31°C und 15 Stunden Sonnenschein blieb es in der Osthälfte Deutschlands noch sehr sommerlich und trocken. Dagegen war über der Westhälfte Deutschlands das von Süd nach Nord ziehende teils dichte Wolkenband mit einigen kräftigen Schauern und Gewittern wetterbestimmend. Beispielsweise fielen in Bückeburg und Celle im Bundesland Niedersachsen 38 bis 40 l/m² in nur 12 Stunden. Die niedrigsten Höchsttemperaturen wurden aus dem Saarland mit knapp über 20°C gemeldet, wo die Sonne am ganzen Tag nicht zu sehen war. Am Abend und in der folgenden Nacht weitete sich das eben beschrieben Niederschlagsgebiet über Niedersachsen weiter aus. In Soltau fielen innerhalb von nur 24 Stunden 38 l/m², in Fassberg 43 l/m² und in Bergen auf Rügen 53 l/m². Im Alpenvorland, an den Messstationen München (Stadt) und Hohenpeißenberg, wurden sogar unwetterartige 92 bzw. 96 l/m² Regen in nur 12 Stunden registriert. Das entspricht knapp einem Zehntel dessen, was im ganzen Jahr fällt. Auf der Vorderseite der Zyklone IANTO wurde die heiße Luft weit in den Norden transportiert, wodurch in Südnorwegen, Schweden und Finnland wurden verbreitet 25°C überschritten wurden. Aber auch hier lagen die unterschiedlichen Wettercharaktere dicht beieinander. Während in Trondheim 28°C erreicht wurden, stieg die Höchsttemperatur in Bergen nur auf 16°C und es fielen 18 l/m² innerhalb von 24 Stunden. Bis zum 30.06. spaltete sich das Tief IANTO in zwei Teile auf. Der Wirbel IANTO I wurde über dem Nordkap analysiert, der Wirbel IANTO II über Südschweden. Die Fronten, die die beiden Tiefs über Skandinavien verbanden, trennten subtropische Luftmassen im Südosten von deutlich kälterer Polarluft im Norden und Westen. Bei der langsamen Ostverlagerung der Kaltfront, die quer über Deutschland lag, fielen weitere zweistellige Niederschlagssummen innerhalb von 12 Stunden in einem Streifen von Hannover über den Thüringer Wald bis zur deutsch-österreichischen Grenze. Dieses Niederschlagsgebiet zog in der Nacht zum 01.07. nach Polen und Tschechien weiter. Dabei blieb der Kern IANTO II über Südschweden stationär, der Kern IANTO I verlagerte sich hingegen weiter östlich bis über die Halbinsel Kola. Das gesamte Tiefdrucksystem schwächte sich langsam ab und verlor dadurch an Wetteraktivität.

Bis zum Morgen des 02.07. wurde das Teiltief IANTO II in das System des von Osten heranziehenden Nachfolgertiefs JÖRG aufgenommen. Das Teiltief IANTO I, welches sich von der Halbinsel Kola zum Ural verlagerte, wurde so wieder als Tief IANTO geführt. Aufgrund dieser Zugbahn gelangte die weit nördlich an der Küste zum Weißen Meer gelegene Stadt Archangelsk in den Bereich heißer Luft und verzeichnete zwei Tage in Folge Höchsttemperaturen von ungewöhnlich warmen 29°C. Diese Werte sind in solch nördlichen Regionen außergewöhnlich, denn diese Stadt befindet sich auf einer leicht höheren Breite als Island. Bis zum 03.07. verließ das Tiefdruckgebiet IANTO den Analysebereich der Berliner Wetterkarte und konnte dadurch nicht mehr erfasst werden.

 


Geschrieben am 07.09.2011 von Matthias Treinzen

Berliner Wetterkarte: 28.06.2011

Pate: Denise Wendler