Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet INGRABAN

(getauft am 04.06.2017)

 

Anfang Juni 2017 verlagerte sich ein Tiefdruckgebiet von Neufundland aus über den Nordatlantik in Richtung Europa. Da dieses Tief auch Einfluss auf das Wettergeschehen Mitteleuropas nehmen sollte, wurde es am 04.06.2017 mit Lage über dem zentralen Nordatlantik auf den Namen INGRABAN getauft.

Die Zyklone INGRABAN mit einem Kerndruck von ca. 1010 hPa stellte um 01 Uhr MEZ ein Randtief des Wirbels HEINRICH I über dem Seegebiet zwischen Island und den Britischen Inseln dar. Zu diesem Zeitpunkt besaß das Tief INGRABAN zwei Okklusionen, also Mischfronten mit Warm- und Kaltfronteigenschaften, die sich einerseits nach Westen in Richtung Neufundland und andererseits nach Süden erstreckten. Letztere spaltete sich auf Breite von Marseille am sogenannten Okklusionspunkt in eine über die Azoren reichende Warmfront und eine nach Westen verlaufende Kaltfront auf. Mit Durchzug der Warmfront setzte auf den Azoren leichter Regen ein, welcher in Horta auf Faial in 6 Stunden bis 13 Uhr MEZ für 7 l/m² sorgte.

Im Tagesverlauf bildete sich auf der Rückseite des Wirbels INGRABAN ein weiteres Tiefdruckgebiet, welches in der Folge als Tief INGRABAN II bezeichnet wurde. Um 01 Uhr MEZ am 05.06. befand sich dieses mit einem Druck von etwa 1004 hPa auf Länge von Reykjavik und auf Breite von München über dem Nordatlantik. Vom Zentrum führte eine Okklusion rund 1000 km nach Westen. Des Weiteren erstreckte sich eine Warmfront bogenförmig nach Südosten bis nach Madeira. Dieser folgend verlief die Kaltfront nördlich der Azoren nach Westen. Das ursprüngliche Tief INGRABAN I lag derweil mit ca. 1003 hPa über der Westküste Irlands und wies lediglich eine bogenförmige, nach Süden reichende Okklusion auf, die westlich der Biskaya endete. In der Nacht sorgte vor allem das Tief INGRABAN I mit der zugehörigen Okklusion auf den Britischen Inseln für einsetzende Niederschläge, die mitunter recht kräftig ausfielen. Bis 07 Uhr MEZ am folgenden Morgen wurden 12-stündig in Carlow 12 l/m², in Machrihanish sowie Thomastown je 13 l/m² und in Claremorris 15 l/m². Im Laufe des Tages zog auch das Tief INGRABAN II bis über die Irische See. Gleichzeitig verstärkten sich beide Tiefdruckzentren auf bis unter 995 hPa. Dadurch intensivierten sich die Niederschläge nochmals und traten nun auch vereinzelt schauerartig verstärkt auf. In den 12 Stunden bis 19 Uhr MEZ fielen dabei 27 l/m² am Johnstown Castle in Irland, 39 l/m² in Shap und 49 l/m² im walisischen Capel Curig. Auch über der Bretagne setzte nun Regen ein, welcher im selben Zeitraum wie zuvor beispielsweise zu jeweils 20 l/m² in Brest sowie am Militärflughafen Lanvéoc-Poulmic führte. Mit der Verlagerung des Wirbels INGRABAN II in Richtung Westeuropa wurden mit dessen Frontensystem warme subtropische Luftmassen herangeführt, welche die vorherrschende Subpolarluft über der Iberischen Halbinsel verdrängte. Dies wirkte sich vor allem auf den Norden Spaniens aus, wo deutliche Anstiege in den Höchsttemperaturen zu beobachten waren. So wurden in Burgos 21,6°C registriert, wohingegen es am Vortag noch 12,4°C waren. In Bilbao konnte währenddessen ein Anstieg von insgesamt 10,4 Grad auf ein Maximum von 26,0°C verzeichnet werden.

Die beiden Tiefdruckzentren vereinigten sich bis 01 Uhr MEZ am Folgetag über Großbritannien, wobei sich der Kern des Wirbels INGRABAN mit einem Druck von knapp unter 990 hPa nun über Wales befand. Es führten eine Warmfront bogenförmig über Schottland und die Nordsee bis nach Südnorwegen sowie eine Kaltfront über die Bretagne, die östliche Biskaya und den Norden Portugals bis östlich der Azoren, wo sie sich mit der Warmfront des nachfolgenden Tiefs JÖRN, mit Lage über dem nordwestlichen Atlantik, verband. Während bis 07 Uhr MEZ die höchsten 12-stündigen Niederschlagsmengen in Frankreich bei je 14 l/m² in Caen und an der Station La Hève lagen, fielen diese in Großbritannien im Bereich des Tiefdruckzentrums deutlich höher aus. Dabei wurden in Dundrennan 28 l/m², in Mona 29 l/m², in Capel Curig 34 l/m² und am Saint Bees Head 41 l/m² registriert. Die Warmfront griff derweil auch auf den Süden Norwegens über, wobei in Eik Hove 23 l/m² verzeichnet werden konnten. Im Laufe des Tages zog die Kaltfront von Frankreich über Deutschland bis nach Ungarn und Polen und sorgte neben einem Rückgang der Temperaturmaxima von bis zu 7 Grad in Frankreich und den Benelux-Staaten auch für die Bildung von kräftigen Schauern und Gewittern. Bis 19 Uhr MEZ wurden dadurch 26 l/m² in Manschnow, 27 l/m² in Sterzing in Südtirol, 34 l/m² im tschechischen Kramolín und 35 l/m² in Sankt Gallen gemessen. Am stärksten fielen die Niederschläge jedoch in Ungarn aus. Bei gewittrigen Schauern, bei welchen vereinzelt auch Hagel auftrat meldete die Station in Eger 73 l/m², in Miskolc kamen 48 l/m² zusammen. Im Bereich des Tiefdruckzentrums konnten außerdem nochmals 35 l/m² in Edinburgh, 33 l/m² in Aboyne und 32 l/m² in Weybourne registriert werden.

Das Tief INGRABAN wurde am 07.06. um 01 Uhr MEZ mit einem sich weiter verstärkten Kerndruck von 985 hPa zentral über der Nordsee analysiert. Erneut hatte sich eine Okklusion ausgebildet, die sich südlich des Tiefzentrums ausgehend an dessen Westseite nach Norden erstreckte, wo sich nordöstlich von Edinburgh über der Nordsee der Okklusionspunkt befand. Die daran anschließende Warmfront führte weiter nach Nordosten über das Nordmeer bis zu den Lofoten an der Küste Norwegens. Die Kaltfront verlief hingegen über Südskandinavien, Polen, Ungarn und Kroatien, bevor sie über Norditalien in die Warmfront einer Zyklone bei Genua überging. Außerdem spaltete sich nahe Danzig von der Kaltfront eine weitere Warmfront ab, welche nach Südosten bis östlich von Kiew reichte. Erneut konnten vor allem entlang der Kaltfront und im Bereich des Tiefdruckkerns kräftige Schauer und Gewitter beobachtet werden. Die stärksten Niederschläge traten dabei über Südskandinavien, der Ostküste Großbritanniens, dem Nordosten Deutschlands, Polen, Tschechien sowie über weiten Teilen Südosteuropas auf. Bis 07 Uhr MEZ summierten sich diese innerhalb von 12 Stunden auf 20 l/m² in Putbus, 23 l/m² in Caslav, 31 l/m² in Loftus bei Middlesbrough, 27 l/m² in Debrecen in Ungarn, 28 l/m² im serbischen Kikinda und 30 l/m² in Ocna Sugatag im Nordwesten Rumäniens. Im polnischen Plock sowie im norwegischen Hynnekleiv konnten jeweils 38 l/m² und im schwedischen Hatveda sogar 77 l/m² verzeichnet werden. Durch eine Hochdruckzone über dem Baltikum, Weißrussland und dem Westen Russlands wurde die Zyklone INGRABAN auf eine nordöstliche Zugbahn gezwungen. Das Frontensystem kam dabei nur langsam nach Nordosten voran, wodurch sich die Niederschläge nur wenig weiter nach Osten und zum Baltikum verlagerten. Mit dem Durchzug der Kaltfront sanken nun auch in Südskandinavien, im Nordosten Deutschlands, Polen, Tschechien und Teilen der Balkan-Halbinsel die Höchsttemperaturen durch die einfließenden subpolaren Luftmassen um meist 6 bis 7 Grad herab. Mitunter fiel die Abnahme jedoch deutlicher aus, wie im slowakischen Hurbanovo, wo das Maximum von 31,0°C am Vortag auf 21,8°C sank. Bis 19 Uhr MEZ fielen die kräftigsten Niederschläge erneut im Bereich des Tiefdruckzentrums über Südskandinavien und Norddeutschland sowie entlang der Kaltfront über Ost- und Südosteuropa. In Glücksburg wurden 20 l/m², an der bulgarischen Station Mourgash 17 l/m², im ukrainischen Chernivtsi 26 l/m², ebenso wie auf der schwedischen Insel Hallands Väderö im Kattegat. Die höchsten Niederschlagssummen kamen jedoch im Süden Norwegens zusammen. Dort konnten beispielsweise 34 l/m² in Hynnekleiv, 35 l/m² in Gjerstad, 36 l/m² in Porsgrunn und extreme 75 l/m² in Nelaug gemessen werden.

Der nordöstlichen Zugbahn folgend und sich dabei in zwei Zentren aufspaltend befand sich der Tiefdruckkomplex INGRABAN mit je einem Kern über dem Skagerrak sowie vor der norwegischen Küste südwestlich von Trondheim. Beide Kerne wiesen um 01 Uhr MEZ einen Druck von ca. 1000 hPa und somit eine deutliche Abschwächung im Vergleich zum Vortag auf. Vom südlicheren Zentrum erstreckte sich eine Okklusion nach Nordwesten bis westlich des nördlicheren Zentrums, wo sich eine Warmfront nach Norden bis zum Nordpolarmeer reichend abspaltete. Mit einer Richtungsänderung nach Südost verlief die Okklusion anschließend vom Nordmeer über Zentralskandinavien und dem Baltikum bis zum Okklusionspunkt östlich von Minsk. Die Warmfront führte von dort nach Südosten bis über Südwestrussland. Die Kaltfront wies hingegen nach Südwesten über die westliche Ukraine, Rumänien und Bulgarien bis zur Adria. Während sich die Niederschläge über Skandinavien leicht abschwächten, wobei noch maximal 27 l/m² in Nelaug und 14 l/m² in Hastveda verzeichnet wurden, bildeten sich über Südosteuropa weiterhin ergiebige und teils gewittrige Schauer. Innerhalb eines Beobachtungszeitraums von 12 Stunden fielen dadurch in Miercurea Ciuc im östlichen Teil Siebenbürgens 32 l/m² und in Belgrad 36 l/m². Des Weiteren sorgte die Kaltfront über Südosteuropa bei ihrem Durchzug weiterhin für ein Absinken der Höchsttemperaturen von bis zu 8 Grad. Auch im Baltikum und in Weißrussland setzte mit Durchzug der Okklusion teils schauerartiger Regen ein bzw. hielt er in der Ukraine weiter an, wobei im estnischen Valga 19 l/m², im ukrainischen Chmelnyzkyj 20 l/m² und in Kastjukowitschy im Osten Weißrusslands 32 l/m² registriert werden konnten.

Das südlichere Tiefdruckzentrum der Zyklone INGRABAN löste sich im Tagesverlauf über dem Süden Norwegens auf. Somit besaß das Tief INGRABAN am 09.06. nur noch einen Kern, welcher etwas nach Nordwesten zog und sich um 01 Uhr MEZ auf Breite von Trondheim rund 600 km von der norwegischen Küste entfernt über dem Europäischen Nordmeer befand. Der Kerndruck hatte sich derweil weiter abgeschwächt und betrug nun rund 1005 hPa. Entlang des weitreichenden Frontensystems, das sich von der Ostküste Grönlands über Zentralskandinavien, dem Baltikum bis zum Südwesten Russlands und der westlichen Schwarzmeerregion ausdehnte, entwickelten sich bis zu diesem Zeitpunkt einige neue Tiefdruckgebiete, welche die Luftmassengrenzen im weiteren Verlauf aufnehmen sollten. Die dabei entstehenden Niederschläge führten nochmals zu 12-stündigen Mengen von 30 l/m² im westrussischen Suchinitschi, 34 l/m² im türkischen Yalova und 39 l/m² im rumänischen Tulcea. Vor allem in der Türkei fielen die Niederschläge aufgrund von Schauern und Gewittern recht kräftig aus. Innerhalb von nur 6 Stunden wurden dabei je 29 l/m² in Düzce und Istanbul sowie 31 l/m² an der Station Cengiz Topel registriert. Im Beriech des Tiefdruckzentrums des Wirbels INGRABAN konnten hingegen keine Niederschläge mehr beobachtet werden.

Das Tief INGRABAN schwächte sich in der Folge weiter ab und löste sich schließlich bis zu den Mittagsstunden im Bereich schwacher Luftdruckgegensätze über dem Nordmeer vollständig auf, wodurch es am 10.06. nicht mehr auf der Berliner Wetterkarte analysiert werden konnte.

 


Geschrieben am 17.08.2017 von Sebastian Wölk

Berliner Wetterkarte: 06.06.2017

Pate: Hans-Ingraban Kessel