Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet KIM

(getauft am 22.01.2020)

 

Zu Beginn der letzten Januardekade wurde das Wettergeschehen über dem Nordatlantik bis in die mittlere Troposphäre auf ca. 5,5 km Höhe von einem Kaltlufttrog über dem Westen Grönlands und einem markanten Hochdruckkeil dominiert, der auf Bodenhöhe mit dem Hochdruckgebiet EKART korrespondierte und dessen Einflussbereich sich vom Atlantik vor der irischen Westküste, über Mitteleuropa bis über den Balkan erstreckte. In der Folge wurde die Hauptströmung der Westwinde entlang der polaren Frontalzone bis in hohe Breiten abgelenkt und verlief am 22.01. über Island, dem Nordmeer und Skandinavien bis über das Baltikum. Dementsprechend änderte sich auch die Zugrichtung der Tiefdruckgebiete über dem Atlantik, die sich entlang der Front zwischen den Luftmassen der dominanten Wettersysteme, aufgrund atmosphärisch-dynamischer Prozesse an der Ostflanke des Höhentrogs bilden, nach Norden zum Pol hin. Aus der Kaltfront eines vorangegangenen Tiefdruckgebiets mit Zentrum zwischen Grönland und Island bildete sich im Laufe des 22.01. entlang der Luftmassengrenze eine Welle aus, die rasch begann sich zu einem eigenständigen Tiefdruckgebiet zu verstärken. Dieses Wellentief wurde in der Prognosekarte der Berliner Wetterkarte für den 23.01. auf den Namen KIM getauft.

Zu Beginn dieses 23.01. lag das Zentrum der Zyklone KIM über dem Atlantik, knapp 400 km südöstlich von Neufundland. Der Kerndruck hatte sich bereits im Laufe des Vortages verstärkt und betrug um 01 Uhr MEZ 1013 hPa. Vom zentralen Wirbel aus erstreckte sich eine Warmfront in nordöstliche Richtung, die über dem zentralen Nordatlantik in die Kaltfront des Vorgängertiefs überging. In südliche Richtung verlief eine kurze Kaltfront, an die sich wiederum die Warmfront einer Welle anschloss.

Aufgrund des blockierenden Hochdruckkeils über Europa wurde das Tief KIM in den folgenden Tagen in Richtung der polaren Gebiete abgelenkt, konnte sich in diesem Zeitraum aber deutlich verstärken. Zum Tagesbeginn des 24.01. hatte sich der Zentrumsdruck bereits auf 995 hPa vertieft. Vom Kern aus verlief die Warmfront zunächst nordost-, dann ostwärts bis sie über der irischen Westküste in eine Kaltfront eines anderen Tiefs überging. Die dahinter folgende Kaltfront ersteckte sich in Nähe des Kerns in südöstliche Richtung, zog sich aber in einem weiten Bogen bis in den Mittelatlantik. Ein kleinräumiges Frontensystem bildete sich in südwestliche Richtung aus, begann aber schnell zu okkludieren. Damit wird das Zusammenfließen zweier Fronten bezeichnet, wobei die Kaltfront die vorgelagerte Warmfront einholt.

Die rasche Vorwärtsbewegung der Zyklone KIM hielt noch einen weiteren Tag an; am frühen Morgen des 25.01. lag der Kern bereits knapp 150 km südwestlich von Island. Auf dem Weg hatte sich der Kerndruck weiter vertieft und betrug um 01 Uhr MEZ 975 hPa. Im Laufe des Tages erreichte das Frontensystem von Tief KIM Island. Der Durchgang der in Kernnähe okkludierten Warmfront sorgte für Schneeregenschauer, die im Nordteil der Insel in Schnee übergingen. Diese fielen in den Morgenstunden meist noch leicht aus. Im Umkreis der Hauptstadt Reykjavík meldete die Station Ölkelduháls zum Haupttermin um 07 Uhr MEZ mit 2,9 mm die höchste Niederschlagsmenge. Nur im Ostteil Islands wurden mäßige Niederschläge gemeldet, etwa in Neskaupstaður wo 12,5 mm gemessen wurden. Bis zum Abend kamen in Neskaupstaður noch einmal 12 mm hinzu und auch Westisland verzeichnete mit maximal 12,2 mm in Grundarfjörður mäßigen Schneeregen. In der Nacht vom 25.01. zum 26.01. ließ die nordwärtige Bewegung von Tief KIM stark nach und es begannen sich mehrere Tiefdruckkerne zu bilden.

So verharrte das Zentrum des Tiefdruckkomplexes KIM am 26.01. über Island. Der Kern KIM I befand sich um 01 Uhr MEZ zwischen Island und Grönland und besaß den tiefsten Zentrumsdruck von 955 hPa. Über der Nordostspitze Islands lag der Kern KIM II, mit einem Druck von 980 hPa. Die beiden Zentren verband eine Okklusionsfront, in deren Einflussbereich die mäßigen Schneefälle anhielten, insbesondere in den östlichen Fjorden, wo die Station Neskaupstaður erneut den Höchstwert maß, mit 20,2 mm. Östlich des Kerns KIM II erstreckte sich ein Frontensystem mit einer über Skandinavien bis nach Finnland reichenden Warmfront und einer bogenförmigen Kaltfront vor der norwegischen Küste, die in Zentrumsnähe okkludierten. Im Bereich der Warmfront fiel in der Nacht ergiebiger Schneeregen. In der norwegischen Provinz Nordland wurden auf der Insel Tjotta um 07 Uhr MEZ 12-stündig 14 mm gemessen, im bergigen Hinterland meldete die Station Majavatn im selben Zeitraum 27 mm. Südlich von Island hatte sich mit KIM III ein weiterer Tiefdruckkern, mit einem Zentrumsdruck von 975 hPa ausgebildet, von dessen Kern aus sich eine Kaltfront in südliche Richtung erstreckte, die im Laufe des 26.01. die Britischen Inseln überquerte. Der Durchgang dieser Front sorgte in allen Inselteilen für leichte bis mäßige Regenfälle. Während auf Irland bis zum Haupttermin um 19 Uhr MEZ 12-stündig maximal 3 mm Niederschlag registriert wurde, meldeten Stationen in Großbritannien teils mäßige Summen. Im schottischen Eskdalemuir wurden 12 mm gemessen, an der nordwestlichen englischen Küste am St. Bees Head 11 mm und in Liscombe in der Grafschaft Somerset 10 mm.

Zum 27.01. hin ließ der Einfluss des bis dahin für Mitteleuropa wetterbestimmenden Hochdruckgebiets EKART nach und der zum Tiefdrucksystem KIM gehörige Höhentrog konnte seinen Einfluss bis nach Europa hinein ausweiten. Zu Beginn des 27.01. hatte sich das Zentrum von Tief KIM etwas nach Südwesten verlagert und lag nun über dem offenen Meer vor der isländischen Küste, wo sich weiterhin drei einzelne Tiefdruckzentren ausmachen ließen. Der Kern KIM I lag um 01 Uhr MEZ am südlichsten etwa 400 km südwestlich von Island mit einem Kerndruck von 960 hPa. Von diesem Zentrum aus reichte eine okkludierte Front bis über die grönländische Westküste, wo sie in der Station Angmagssalik/Tasiilaq bis 07 Uhr MEZ 12-stündig 10 mm Niederschlag brachte. Der sich abschwächende Kern KIM II lag mit einem Kerndruck von 965 hPa südlich von Island. Eine Kaltfront erstreckte sich von seinem Zentrum über den Atlantik. Das dominanteste Tiefdruckzentrum KIM III befand sich vor der isländischen Westküste, mit einem Druck von 960 hPa. Von diesem Kern aus zog sich ein Frontensystem in weitem Bogen von Skandinavien bis über die Biskaya. Vom Okklusionspunkt über dem Nordmeer überquerte eine Warmfront die Skandinavische Halbinsel, die den mittleren Landesteilen Norwegens und Schwedens leichte, bis mäßige Schneefälle brachte. Im Schnitt fielen zwischen 3 bis 5 mm Niederschlag. Deutlich niederschlagsaktiver war die vom Okklusionspunkt südwärts verlaufende Kaltfront, die in den Morgenstunden des 27.01. über die Nordsee, den Benelux-Staaten, den Nordwesten Frankreichs bis über die spanische Region Galizien verlief. Die Front brachte im gesamten Einflussgebiet Niederschläge mit sich, insbesondere aber aber an der Südspitze Norwegens und in Galizien. Die feuchte, maritime Polarluft im Rücken der Front staute sich am norwegischen Gebirge und sorgte so für 12-stündige Niederschlagswerte von über 20 mm, wie etwa im zentral zwischen Stavanger und Kristiansand befindlichen Eik Hove, wo bis 07 Uhr MEZ 26 mm gemessen wurden. In Galizien brachten Regenschauer im Frontbereich heftige Niederschläge, die sich innerhalb von 12 Stunden teils auf über 40 mm summierten. Die Spitzenwerte maßen die Stationen A Estrada mit 42,6 mm und Casa do Porto mit 55,6 mm. Im weiteren Tagesverlauf erreichte die zunehmend okkludierende Front den Westen Deutschlands und sorgte insbesondere im Saarland, wo die Station Weiskirchen bis 19 Uhr MEZ 12-stündig 20,9 mm meldete, und im Taunus, wo 17,7 mm in Driedorf fielen, für langanhaltende Regenfälle. In den Abendstunden des 27.01. erreichte die Front den Berliner Raum, hatte sich aber durch den störenden Einfluss des sich über den Britischen Inseln entwickelnden Tiefs LOLITA stark abgeschwächt und brachte so keinen nennenswerten Niederschlag.

In den Morgenstunden des 28.01. befand sich das Zentrum des Tiefdrucksystems KIM unverändert über dem Nordatlantik vor der isländischen Südküste, begann aber gegenüber dem Vortag an Intensität zu verlieren. Der Kern KIM I lag mit einem Druck von 970 hPa auf halber Strecke zwischen Island und Irland. Von dort aus erstreckte sich eine okkludierte Front südwärts, die in der mittleren Tageshälfte für Regenschauer auf den britischen Inseln sorgte. Besonders kräftig fielen diese im Nordwesten Irlands aus: die Station Castlederg in Nordirland meldete um 19 Uhr MEZ 12-stündig 15 mm, in Knock/Connaught brachte ein Regenschauer 17 mm. Ein weiterer Kern lag als KIM III südwestlich von Island, ebenfalls mit einem Druck von 970 hPa. Von diesem Tiefdruckzentrum aus verlief ein Frontensystem über das Nordmeer hinweg bis über Skandinavien und Finnland. In Island sorgte die okkludierte Front für leichten bis mäßigen Schneefall, am Flughafen von Egilsstaðir wurden bis 19 Uhr MEZ 9,9 mm gemessen. Schweden und Finnland konnten dagegen zumeist nur leichten Niederschlag vermelden, nur im schwedischen Vidsel wurden im Frontbereich bis 07 Uhr MEZ immerhin 12 mm gemessen.

Am 29.01. setzte sich die Abschwächung der Zyklone KIM rapide fort, bedingt durch den Einfluss nachfolgender Tiefdruckgebiete über dem Atlantik, die das Tief KIM in Richtung des Nordmeers abdrängten. Der Kern KIM I lag um 01 Uhr MEZ zwischen den Färöern und Schottland, mit einem Kerndruck von 985 hPa. Denselben Druck wies auch das andere verbliebene Zentrum KIM III auf, das sich südlich von Island befand. KIM I brachte vor allem den schottischen Highlands ergiebige Niederschläge, wo bis 07 Uhr MEZ im Bereich einer Okklusionsfront 20 mm in  12 Stunden an der Station Tulloch Bridge gemessen wurden. Im Laufe des Tages verloren sowohl KIM I als auch KIM III an Intensität und gingen in den Einflussbereich der Tiefs LOLITA und MAREILE über. Auf der Bodenkarte vom 30.01. war das Tief KIM nicht mehr verzeichnet.