Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet LUDGER

(getauft am 13.06.2017)

 

Am 13.06. wurde anhand einer Prognosekarte für 12 Uhr UTC des folgenden Tages die Entstehung eines Tiefdruckwirbels über Zentralfrankreich vorhergesagt und auf den Namen LUDGER getauft. Dieser Wirbel ging bereits in der Nacht zum 14.06. aus einer sich wellenförmig deformierenden Front des sich zu diesem Zeitpunkt über Südfinnland befindenden Tiefdruckkomplexes KARL hervor und befand sich gegen 00 Uhr UTC, also 01 Uhr MEZ, noch über Nordspanien, unweit von San Sebastian. Vom Zentrum des Wirbels, in dessen Kern der Luftdruck etwas unter 1015 hPa betrug, erstreckte sich in östlicher Richtung eine Warmfront, die über den Westalpen in die Kaltfront des in Richtung des Uralgebirges ziehenden Tiefs KARL überging, sowie in westlicher Richtung eine Kaltfront, die nördlich von Oviedo Warmfrontcharakter annehmend bis nach Santiago de Compostela reichte. Einsetzende Hebungsprozesse entlang des nach Norden voranschreitenden Wirbels ließen im Verlauf des 13.06. zwar begrenzte, jedoch bereits markant ausgeprägte, Niederschlagsfelder entstehen, die sich bis 06 Uhr UTC des 14.06. zunächst von Nordspanien in Richtung des französischen Zentralmassivs verlagerten und sich in den darauf folgenden 24 Stunden entlang der nach Osten voranschreitenden Frontenausläufer in Richtung der Westalpen ausweiteten. Die zunächst noch sehr lokal ausgeprägten Gewitter brachten innerhalb von 24 Stunden bis 6 Uhr UTC des 14.06. in Bilbao 18,5 mm und im französischen Le Puy-en-Velay 30,5 mm mit sich. Auch der 14.06. selbst erwies sich in einigen Regionen Frankreichs und der Schweiz als regenreich. Schauer und Gewitter brachten binnen 24 Stunden bis 6 Uhr UTC des Folgetages am Flughafen von Tavaux 10,9 mm, in Grenoble 13,2 mm und in Annecy 15,7 mm. Aufgrund von Staueffekten sowie erzwungenen Hebungsprozessen beim Aufgleiten auf die Gebirgsketten fielen die Niederschläge in der Schweiz noch ergiebiger aus. Im selben Zeitraum fielen in der Gemeinde Frutigen 29,6 mm, am Gebirgspass Col Des Mosses 33,3 mm und in La Brévine bis zu 39,4 mm. Besonders intensiv erwiesen sich die Niederschläge während eines Gewitters in der Region Venetien. Bei Treviso fielen in weniger als 6 Stunden bis etwa 18 Uhr UTC, je nach Stadtlage, zwischen 25 und 30 mm und auf der Insel Tessera, in der Lagune von Venedig, bis zu 65,6 mm.

Von Nordspanien in nordöstlicher Richtung ziehend befand sich das Zentrum der sich entwickelnden Zyklone LUDGER am 15.06. gegen 00 Uhr UTC mit einem Kerndruck von unter 1010 hPa bereits über der Normandie nahe Caen. Vom Kern des Wirbels LUDGER erstreckte sich zum Zeitpunkt der Analyse die Warmfront über Lyon und Venedig nach Südosten, die sich über der Ägäis erneut mit der Kaltfront des sich über Westrussland stationär verbliebenen Tiefs KARL verband. Die der Warmfront folgende Kaltfront des Wirbels LUDGER zog sich hingegen vom Kern ausgehend und bei Porto endend über Paris, Bordeaux und San Sebastian nach Südwesten. Im zwischen Warm- und Kaltfront aufgespannten Warmluftsektor gelangten vor den aufziehenden Niederschlägen subtropische Luftmassen aus dem Mittelmeerraum über Frankreich bis nach Deutschland. Wurden 48 Stunden zuvor in Potsdam 19,7°C und am Flughafen Köln/Bonn 22,0°C gemessen, erreichten die Temperaturen am 15.06. in Potsdam Werte von 28,1°C und bei Köln bis zu 32,5°C. Die Gewitter über dem westlichen Alpenraum hatten zum Morgen hin nachgelassen, gewannen jedoch im Tagesverlauf erneut an Intensität und verlagerten sich in einem Band über Deutschland Richtung Westpolen. Die Niederschlagsmengen fielen lokal sehr unterschiedlich aus. Bis 06 Uhr UTC wurden in Greifswald 10,9 mm, in Freudenstadt 19,0 mm und im niedersächsischen Fassberg 27,9 mm gemessen. Auf dem Brocken wurden 8,7 mm und in Berlin-Dahlem 3,5 mm registriert. Ähnlich intensiv wie am Vortag gestalteten sich die Schauer und Gewitter über der Schweiz. Binnen 24 Stunden meldeten die Messstationen Niederschlagsmengen von 27,0 mm in Buchs, 31,1 mm in Elm und bis zu 32,7 mm bei Ägeri. Auch über Italien und in einigen Regionen Frankreichs wurden vor deren Abzug teils ergiebige Niederschläge registriert. So fielen in Bergamo 14,6 mm bei Tags zuvor gefallenen 14,2 mm, am Monte Cimone 16,0 mm und in Lyon 18,5 mm.

Bis zum 16.06. war das Tief LUDGER nach Südskandinavien gezogen und lag um 00 Uhr UTC mit einem nur geringfügig gefallenen Druck über dem Zusammenfluss von Kattegat und Skagerrak, nordöstlich von Skagen. Teile der Warmfront waren von der ihr nacheilenden Kaltfront eingeholt worden, sodass sich entlang derer eine sogenannte Okklusionsfront hat ausbilden können. Eine Okklusionsfront, auch Mischfront genannt, entsteht, wenn die schneller ziehende Kaltfront die vorgelagerte Warmfront einholt und vom Boden anhebt. Sie vereint somit Eigenschaften beider Frontensysteme in sich. Diese Mischfront zog sich südlich des Kerns ausgehend über Grenå und Magdeburg bis zum Okklusionspunkt, die Stelle an der Warm- und Kaltfront ineinander übergehen, nahe Erfurt. Von Erfurt erstreckte sich die Warmfront in einem Bogen über Wien und Sarajevo bis nach Griechenland, wo sie in das Frontensystem des östlich von Moskau stationär verbliebenen Tiefs KARL überging. Die Kaltfront hingegen reichte vom Okklusionspunkt, dem Verlauf der Alpen und der Pyrenäen grob folgend, über Bern und Andorra und bis nach Lissabon. Eine weitere Okklusionsfront ging nördlich des Kerns aus und verband den Wirbel LUDGER mit dem Zentrum des Islandtiefs MONTI. Das Niederschlagsband weitete sich von Deutschland über Polen auf das Baltikum und Südskandinavien aus. Trotz allgemeiner Abschwächung wurden über Polen lokal nochmals Niederschlagsmengen über 30 mm erreicht. Innerhalb von 24 Stunden wurden durch wiederholte Schauer in Tarnów 34,1 und durch anhaltenden, sowie schauerartig verstärkten Regen in Resko 36,3 mm gemessen. Im selben Zeitraum fielen im lettischen Liepaja 11,0 mm, im litauischen Klaipeda 15,0 mm, im schwedischen Nationalpark Hamra und in Göteborg 15,8 mm. Über Kroatien und Bosnien-Herzegowina entwickelte sich entlang des sich nach Nordosten verlagernden Frontensystems ein intensiv ausgeprägtes Gewittergebiet, welches über Montenegro abziehend binnen 6 Stunden in Sarajevo 15,0 mm, bei Bugojno 25,2 mm und in Bihac bis zu 57,5 mm Niederschlag mit sich führte. Im zentralkroatischen Ogulin brachten die Gewitter im selben Zeitraum 41 mm und im montenegrinischen Pljevlja in 12 Stunden 14 mm. Der Warmluftsektor verlagerte sich ebenfalls nach Osten und lag gegen 00 Uhr UTC über Italien. Aufgrund der blockierenden Lage der Alpen gelangten die zuvor eingeflossenen subtropischen Luftmassen jedoch nicht mehr bis nach Deutschland, wodurch die Temperaturen, bedingt auch durch die Niederschläge mit lokalen Gewittern, die 20°C-Marke nur geringfügig überschritten. Am kältesten war es, abgesehen von der Zugspitze mit 3,3°C, auf dem nach Abzug letzter Niederschläge von Nebel und tiefen Wolken umhüllten Brocken. Während vor den einsetzenden und teils gewittrigen Schauern am Vortag noch bis zu 18°C gemessen wurden, erreichte die Höchsttemperatur am 16.06. lediglich 9,1°C. Im unterhalb des Brockens gelegenen Wernigerode stiegen die Temperaturen auf 19°C, am Vortag waren bis zu 26,7°C gemessen worden. Am Flughafen Köln/Bonn wurden Werte bis 21,9°C erreicht. Am wärmsten war es in Deutschland noch in Teilen Südbayerns und Baden Württemberg. Aus München wurden Tageshöchstwerte von 25,8°C, aus Konstanz von 26,6°C und aus Regensburg von bis zu 26,9°C gemeldet. Zum Vergleich: Direkt südlich der Alpen stiegen die Temperaturen derweil vielerorts auf Werte um oder knapp über 30°C. Turin meldete beispielsweise einen Höchstwert von 30,2°C, Mailand von 31,3°C und Triest von 31,6°C. Weiter südlich, wie im unweit von Rom gelegenem Guidonia Montecelio, steigen die Temperaturen auf 35°C und in Decimomannu auf Sardinien gar auf bis zu 38,4°C.

Zum 17.06. war der sich zunehmend abschwächende Tiefdruckwirbel LUDGER nach Osten abgedreht und lag mit einem Druck von weiterhin knapp 1010 hPa über der Zentralen Ostsee, nördlich von Danzig. Seine Okklusionsfront zog sich vom Kern in einem Bogen über Riga und Baranawitschy in Weißrussland bis Belgrad nach Süden. Entlang der Okklusionsfront hatte sich zudem unweit von Baranawitschy ein neues Tief ausbilden können, das zum 18.06. in Richtung des Schwarzen Meeres zog. Das Tiefdruckgebiet LUDGAR hingegen schwächte sich im Tagesverlauf rasch ab, sodass der 17.06. zugleich der letzte Tag war, an dem Tief LUDGAR auf der Berliner Wetterkarte als eigenständiger Wirbel analysiert und namentlich verzeichnet werden konnte. Reste des Tiefs gingen bis 12 Uhr UTC in die Zirkulation des neu entstandenen jedoch nicht benannten Wirbels über, der nach Odessa ziehend für Südosteuropa und die Schwarzmeerregion wetterbestimmend wurde.

 

 

Geschrieben am 07.08.2017 von Christian Ulmer

Berliner Wetterkarte: 15.06.2017

Pate: Ludger Muno