Lebensgeschichte

 

 Tiefdruckgebiet  MARIANNE

(getauft am 29.09.2012)

 

In einer starken Höhenströmung in ca. 5,5 km Höhe eingebettet, entstanden zahlreiche Tiefdruckgebiete im Bereich des Nordatlantiks. Einer dieser Tiefdruckwirbel, der sich ursprünglich über Nordostkanada entwickelte, wurde so durch die steuernde Wirkung des Höhenwindes rasch über den Atlantik geführt. Am 29. September befand sich dieses Tiefdruckgebiet etwa 200 km südlich der Südspitze von Grönland. Da zu diesem Zeitpunkt absehbar war, dass sich diese Zyklone noch verstärken und das Wetter in Europa markant beeinflussen sollte, wurde es noch am selben Tag auf den Namen MARIANNE getauft.

Am Tauftag wies Tief MARIANNE einen Kerndruck von etwas weniger als 995 hPa auf. Im Laufe des Tages verstärkte sich der Wirbel weiter und verlagerte sich nach Osten.

Am 30. September wies der Wirbel einen Kerndruck von knapp unter 980 hPa auf, wobei sich der Kern etwa 100 km südwestlich der isländischen Hauptstadt Reykjavik befand. In rückläufiger Ausrichtung erstreckte sich eine Okklusionsfront bis zur Südspitze Grönlands. Diese Frontenart stellt eine Mischform aus Warm- und Kaltfront dar. Eine weitere Okklusion erstreckte sich vom Kern bogenförmig nach Osten bis zum sogenannten Okklusionspunkt, welcher sich über den schottischen Hebriden befand. Das ist der Punkt, an dem Warm- und Kaltfront zusammentreffen. Dort anschließend reichte die Warmfront über Irland hinweg bis einige Hundert Kilometer nordwestlich der Biskaya. Die Kaltfront des Systems befand sich knapp hinter der Warmfront und erstreckte sich bogenförmig bis über den mittleren Nordatlantik.

 

Das umfangreiche Frontensystem sorgte in weiten Teilen Großbritanniens für teilweise ergiebige Niederschläge, mit Schwerpunkt über Schottland und Nordengland. So wurden beispielsweise in Keswick 19 l/m² und in Sennybridge 21 l/m² innerhalb von 24 Stunden registriert.

 

Am frühen Morgen des 1. Oktober lag Tief MARIANNE wenig südöstlich Islands mit einem Kerndruck von knapp unter 985 hPa. Die Okklusion reichte um den Nordteil des Tiefzentrums bei Island bis zur Südspitze Norwegens, wo sich eine kurze Warmfront abspaltete, welche bis zur Elbmündung reichte. Die Okklusion reichte weiter über die Nordsee und Südengland, wo sie sich schließlich in Warm- und Kaltfront teilte. Die Warmfront zog sich von Südengland über die Biskaya bis einige Hundert Kilometer westlich der portugiesischen Westküste. Die Kaltfront führte den Bogen der Okklusion weiter und reichte weit auf den Nordatlantik hinaus.

 Bis zum 2. Oktober verlagerte sich das Tief kaum, jedoch wies es nun zwei Kerne auf. Der nördliche Tiefkern, MARIANNE I, wurde etwa 500 km südlich der Insel Jan Mayen analysiert, wobei der Kerndruck etwa 985 hPa betrug. Der südliche Kern, der auf MARIANNE II getauft wurde, befand sich etwa 400 km südlich der isländischen Hauptstadt Reykjavik und wies einen Druck von ca. 990 hPa auf. Das Frontensystem der Zyklonen erstreckte sich über große Teile Nordwesteuropas. Ausgehend von der Zyklone MARIANNE I reichte eine Okklusion etwa bis zur mittelnorwegischen Küste. Dort anschließend, erstreckte sich die Warmfront des Systems in südöstliche Richtung bis Helsinki. Die teils verwellte Kaltfront reichte vom Okklusionspunkt nach Süden über Bergen in Norwegen, Dänemark und die Beneluxländer bis zu den Azoren und dominierte das Wettergeschehen in Mittel- und Nordwesteuropa. Sie überquerte im Tagesverlauf  Frankreich, Deutschland sowie Skandinavien, wobei die Front örtlich für sehr hohe Niederschlagsmengen sorgte. In Skandinavien verursachte die Kaltfront im Stau des skandinavischen Gebirges ergiebigen Niederschlag. Bis zum frühen Morgen des Folgetages fielen z.B. in Bergen 27 l/m². In Kemi, in Finnland, wurden im gleichen Zeitraum 17 l/m² gemessen.

 

Am frühen Morgen des 3. Oktober lag Tief MARIANNE II mit einem Kerndruck von etwas mehr als 990 hPa über den Shetlandinseln. Der Kern MARIANNE I verharrte dagegen quasistationär östlich von Island und wies einen Druck von etwas weniger als 990 hPa auf. Das Frontensystem des Tiefdruckkomplexes gestaltete sich dabei weiterhin umfangreich. Dies führte dazu, dass auch das Wetter im Einflussbereich der Frontensysteme abwechslungsreich war. In Mitteleuropa machte sich besonders die südwestliche Strömung auf der Vorderseite des Tiefkomplexes mit Tageshöchstemperaturen bis 21°C bemerkbar. Im Gegensatz dazu bescherte die rege Tiefdruckaktivität in den skandinavischen Ländern örtlich hohe Niederschlagsmengen. In Südnorwegen fielen innerhalb von 24 Stunden verbreitet 13 bis 16 l/m², wobei an vereinzelten Orten deutlich über 20 l/m² registriert wurden. So z.B. im norwegischen Venabu mit 23 l/m² oder Bergen mit 29 l/m². Vom Wirbel MARIANNE II reichte eine Okklusion über die Shetlandinseln, wechselte über der Nordsee ihren Charakter in den einer Kaltfront und reichte weiter über London und Südengland bis weit hinaus auf den Nordatlantik. Im Tagesverlauf griff diese Kaltfront von auch auf Deutschland über und passierte den Nordwestteil im Laufe der Nacht zum nächsten Tag. Der Schwerpunkt der Niederschläge konzentrierte sich dabei auf Nordrhein-Westfalen, wo vielfach 15 bis 20 l/m² innerhalb von 24 Stunden bis zum Folgetag gemessen wurden.

 

Da sich der Kern der Zyklone MARIANNE II langsam abschwächte und sich schließlich auflöste, wurde das Zentrum MARIANNE I am frühen Morgen des 4. Oktober in MARIANNE umbenannt. Dabei erfuhr das System bei einer südöstlichen Verlagerungsrichtung eine Intensivierung, wobei sich der Druck im Zentrum der Zyklone um etwa 5 hPa auf knapp unter 985 hPa senkte. Das Tief wurde knapp westlich der Stadt Bergen analysiert und sein Frontensystem setzte sich aus einer nach Norden reichenden Okklusion zusammen, dessen Okklusionspunkt etwa 500 km nördlich des Tiefkerns analysiert wurde. Von dort ausgehend erstreckte sich die Warmfront in östlicher Richtung bis zum Weißen Meer in Nordwestrussland. Die Kaltfront reichte hingegen über Südskandinavien und Deutschland bis nach Belgien. Von den Niederschlagsgebieten besonders betroffen, war erneut Skandinavien, wobei sich die Hauptaktivität nach Norden verschoben hatte. An zwei Wetterstationen in Finnland wurden aufgrund der mit der Warmfront in Verbindung stehenden Niederschlagsgebiete etwa 14 l/m² innerhalb von 24 Stunden gemessen. Nur in Schweden konnten höhere Mengen registriert werden. Beispielsweise wurden in Lulea, welches am Bottnischen Meerbusen liegt, bis zum Folgetag 29 l/m² registriert.

 

Bis zum Morgen des 5. Oktober verlagerte sich das Tief MARIANNE wenige Hundert Kilometer nach Norden und schwächte sich etwas ab. Das Zentrum des Tiefs wurde knapp nordwestlich der norwegischen Stadt Trondheim mit einem Kerndruck von ca. 995 hPa analysiert. Zu diesem Zeitpunkt besaß es eine Okklusionsfront, die sich nach Norden bis zur Stadt Tromsö erstreckte. Während die Kaltfront vom dort gelegenen Okklusionspunkt nach Süden bis Helsinki reichte, erstreckte sich die Warmfront in Richtung Osten bis zum westlichen Vorland des Uralgebirges. Des Weiteren näherte sich ein Wellentief über der Ostsee der großräumigen Zyklone MARIANNE, welches im Tagesverlauf von dem Tief MARIANNE aufgenommen wurde. Das Wellentief wurde deshalb auf MARIANNE II getauft und wies einen Kerndruck von knapp unter 985 hPa. Das ursprüngliche Zentrum von Tief MARIANNE wurde dagegen in MARIANNE I umbenannt. Sowohl die Position als auch der Druck von etwas weniger als 995 hPa blieben dabei bestehen. Während das Tief MARIANNE I eine kleine Okklusionsfront besaß, die sich bogenförmig bis zu den Shetlandinseln erstreckte, steuerte die Zyklone MARIANNE II eine Warm- und Kaltfront. Die Warmfront dieses Tiefs reichte rückläufig nach Nordosten bis zur Insel Kolgujew, einer Stadt in Nordwestrussland.

Auch am nächsten Tag, dem 6. Oktober, sorgte besonders die Wellentiefentwicklung für sehr hohe Niederschlagsmengen in Schweden und Finnland. In Lulea fielen innerhalb von 48 Stunden weitere 51 l/m² und im südlich davon gelegenen Bjuroklubb konnten 37 l/m² nachgewiesen werden. Gleichzeitig floss zunehmend kühle Meeresluft hinter der Kaltfront ein, sodass sich die Nachtfröste intensivierten. So lag beispielsweise am Morgen dieses Tages die Tiefsttemperatur in Oslo bei -2°C.

Das Tief MARIANNE I schwächte sich rasch ab und löste sich im Tagesverlauf auf. Das Zentrum MARIANNE II wurde daraufhin in MARIANNE am Morgen des 7. Oktobers mit unveränderter Position bei konstanten 995 hPa umbenannt. Sein Frontensystem bestand aus einer Okklusionsfront, die sich westlich im Uhrzeigersinn um den Tiefkern herum zog. Die Front reichte über Mittelskandinavien bis zur Halbinsel Kola in Russland. Außerdem besaß das Tief eine Warmfront, die sich etwa bei Tromsö abspaltete und sich bis zum nördlichen Ende des Uralgebirges erstreckte.

Während die Niederschlagsaktivität in Mittelskandinavien nachgelassen hatte und die Zufuhr kühler Meeresluft anhielt, verursachte die Okklusionsfront bei Murmansk eine Niederschlagsmenge von 6 l/m² innerhalb von 24 Stunden. Im westlich davon gelegenen Padun wurden sogar 9 l/m² gemessen.

Das Tief MARIANNE begann sich erneut zu teilen, sodass am 8. Oktober wieder zwei Tiefzentren analysiert werden konnten. Der ursprüngliche Kern von MARIANNE wurde in MARIANNE I umbenannt und mit einem Kerndruck von  knapp unter 1000 hPa bei Helsinki lokalisiert, wohingegen das zweite Tief MARIANNE II sich etwa 200 km östlich der russischen Stadt Archangelsk befand und einen Kerndruck von rund 995 hPa aufwies. Beide Druckgebilde standen mit einer gemeinsamen Okklusionsfront in Verbindung, die sich jeweils spiralförmig um die Zentren zog und für leichten Dauerregen sorgte.

Im weiteren Verlauf des Tages löste sich allerdings das Tief MARIANNE II wieder auf, sodass das Tief MARIANNE I am Morgen des 9. Oktobers in MARIANNE umbenannt wurde. Der Luftdruck im Zentrum, das quasistationär über Helsinki verharrte, blieb dabei konstant bei 1000 hPa. Es besaß eine Okklusionsfront, die sich von Nordfinnland bis zur Halbinsel Kola erstreckte und dort in eine Warmfront überging. Diese reichte anschließend bis zum nördlichen Uralgebirge.

Zwar gingen die mit der Okklusionsfront verbundenen Niederschlagsaktivitäten allmählich zurück, dennoch konnten örtlich noch Tagesmengen von knapp über 5 l/m² registriert werden. In Helsinki kamen z.B. bis zum Morgen dieses Tages 7 l/m² zusammen. Auf der finnischen Insel Isokari fielen 6 l/m².

Das Tief MARIANNE schwächte sich weiter ab und füllte sich nach und nach auf, sodass es am 10. Oktober schließlich nicht mehr auf der Berliner Wetterkarte analysiert werden konnte.

 


 

Geschrieben am 28.02.2013 von Alexander Bütow

Berliner Wetterkarte: 04.10.12

Pate: Marianne Mohr