Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet QUEENIE

(getauft am 27.04.2012)

 

Am 27.04. bildete sich über der Iberischen Halbinsel entlang einer langgezogenen Frontalzone ein neues Tiefdruckgebiet, welches noch am gleichen Tag in der Prognose für den Folgetag auf den Namen QUEENIE getauft wurde. Diese Frontalzone erstreckte sich vom Baltikum über die Alpen bis zu den Kanarischen Inseln und weiter hinaus auf den Atlantik. Der Grund für diese Entwicklung lag in der mittleren Troposphäre. In einer Höhe von etwa 5,5 km hatte sich ein kräftiger Hochkeil, also ein Vorstoß warmer Luft nach Norden, über dem Nordatlantik bis nach Island ausgedehnt. Gleichzeitig reichte ein Kaltlufttrog, der dazugehörige Vorstoß kalter Luft nach Süden, von Skandinavien bis zur Iberischen Halbinsel. Damit musste die Höhenströmung weite Wege zurücklegen. Die Strömung verlief von Neufundland über den Südwesten Grönlands, Irland, die Azoren, und Marokko, dann wieder nordöstlich in Richtung Deutschland und bis nach Westrussland. Vor der portugiesischen Küste bildete sich durch die einfließende polare Höhenkaltluft ein Höhentief aus, an dessen Südostseite, an der Grenze zu subtropischer Warmluft, sich das Tiefdruckgebiet QUEENIE entwickelte.

Das Zentrum des Tiefs QUEENIE zog mit einem anfänglichen Kerndruck von 1009 hPa vom Alboran–Meer, östlich von Gibraltar, zu den Pyrenäen und brachte in Madrid mit 5 l/m² innerhalb von 24 Stunden schon den ersten nennenswerten Niederschlag.

Wäre der Kaltlufttrog stabil geblieben, hätte Tief QUEENIE über Norddeutschland hinweg zum Baltikum ziehen können. Die großräumige Höhenströmung wurde aber am 28.04. zwischen Island und Großbritannien unterbrochen. Damit wurde die Höhenkaltluft über der Iberischen Halbinsel von der Zufuhr neuer Kaltluft abgeschnitten und es bildete sich ein abgeschlossenes Höhentief aus, ein sogenannter Kaltlufttropfen. Dort stellte sich eine kreisförmige Zirkulation entgegen dem Uhrzeigersinn ein. Dieser folgte auch das Tief QUEENIE am Boden, sodass die Zugrichtung das Zentrum in den folgenden Tagen von der Bretagne über Wales nach Westen auf den Nordatlantik hinausführen sollte. Neben der Verstärkung des Kerndrucks auf etwas unter 1000 hPa nahm auch die Niederschlagstätigkeit in der Nähe des Zentrums und entlang der, sich von Frankreich bis nach Algerien erstreckenden Kaltfront deutlich zu. Innerhalb von 24 Stunden fielen beispielsweise in Malaga 15 l/m², in Brest 16 l/m², in Marseille 17 l/m² und in Bordeaux sogar 32 l/m². Bemerkenswert war auch der Temperaturrückgang auf Korsika beim Durchgang der Kaltfront von Tief QUEENIE. Dort wurde in der Nacht um 02 Uhr MESZ noch 28°C gemessen, während 6 Stunden später nur noch 15°C registriert wurden.

Bei der Verlagerung der Warmfront von den Alpen nach Norddeutschland drehte die Strömung von Südwest auf Süd, sodass afrikanische Tropikluft direkt aus der Sahara zwischen Tief QUEENIE und Hoch JANTO über der westlichen Ukraine bis nach Deutschland herangeführt wurde. Dabei entstand über Norddeutschland eine fast stationäre scharfe Luftmassengrenze. Im Berliner Raum wurden am 28.04. verbreitet 30 bis 31°C gemessen, während die Höchsttemperatur auf Usedom nur 13°C und an der Nordseeküste nur auf 7 bis 10°C anstieg und 4 bis 8 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von 12 Stunden fielen. In Berlin-Dahlem wurde mit 30,7°C das bisherige absolute Maximum für den April, das am 22.04.1968 mit 30,9°C gemessen wurde, nur knapp verfehlt. Dieses Maximum war damit der zweithöchste Wert für einen Apriltag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Am Mittelgebirgsnordrand und in Süddeutschland wurden gebietsweise neue Rekordhöchstwerte für den April aufgestellt, z.B. meldete Baden ein Tagesmaximum von 33,9°C. Bemerkenswert ist auch noch die Höchsttemperatur auf dem Hohenpeißenberg. Mit 29,4°C wurde dort nicht nur ein neuer April–Rekordwert aufgestellt, sondern selbst im Mai wurde noch nie eine derartige Temperatur registriert.

Am 29.04. erreichte das Zentrum der Zyklone QUEENIE die Bretagne und Wales. Da sich das Zentrum des Höhentiefs genau über das von Tief QUEENIE schob, wurden die Hebungsvorgänge intensiviert und es kam im direkten Kernbereich zu ergiebigen Niederschlägen. Liscombe in Wales meldete 56 l/m² und Brest sogar 74 l/m² innerhalb von 24 Stunden bis zum Morgen des Folgetages. In der vom Atlantik her über die Iberische Halbinsel eingeflossenen polaren Kaltluft wurden gleichzeitig sehr niedrige Maxima gemessen. So meldete Madrid eine Höchsttemperatur von nur 13°C, auch in Malaga wurden nur 15°C erreicht.

In Deutschland schob sich die Kaltfront der Zyklone QUEENIE von Westen her nur bis zu einer Linie Ruhrgebiet-Schwarzwald vor. Dort kam es zu einigen Gewittern. Gleichzeitig erfolgte dort eine Abkühlung auf Werte um 22°C, während von Brandenburg bis Bayern nochmals vereinzelt 30°C erreicht wurden.

Am 30.04. verlagerte sich das Zentrum von Tief QUEENIE, welches mit ca. 995 hPa als tiefsten Wert analysiert wurde, westlich über den Atlantik und folgte damit der Höhenströmung. Auch am nächsten Tag befand sich der Wirbel nicht mehr über Land und es konnten ihm auch keine Fronten zugeordnet werden. Erst am nächsten Tag, den 02.05. bildeten sich aufgrund des immer noch sehr aktiven und mit Kaltluft gefüllten Höhentiefs neue Fronten aus. Die Warmfront reichte bis zur Iberischen Halbinsel, war dort aber nur schwach ausgeprägt und löste sich auch rasch wieder auf. Dagegen entstanden im Bereich der von Westen heranziehenden bis nach Portugal und Madeira reichenden Kaltfront teils großräumige Gewitterzellen. Die Wetterstation in Porto registrierte dabei 32 l/m² innerhalb von 24 Stunden.

Am 03.05 änderte sich nur wenig an der Lage und Wetterintensität von Tief QUEENIE. Dieses Mal wurde die Stadt La Coruna im Nordwesten Spaniens von einer großräumigen Gewitterzelle beeinflusst. Von dort wurden 28 l/m² innerhalb von 24 Stunden gemeldet. In Madrid fielen 8 l/m² bei einer Höchsttemperatur von 18°C. Bemerkenswert ist auch der Verlauf der Höchsttemperaturen in Lissabon. Hier wurde durch den Zustrom kalter Luftmassen und durch den fortwährend kalten Nordatlantik seit dem 10.04. kein Maximum von 20°C oder mehr registriert.

Am 04.05. stellte sich die großräumige Höhenwetterlage erneut um und das abgeschlossene Höhentief stellte wieder eine Verbindung zu dem Kaltlufttrog her. Dadurch war am Boden der Weg für das Tief QUEENIE frei, das nun der Höhenströmung vom Golf von Biskaya nach Mitteleuropa folgen konnte. Da sich gleichzeitig die Frontalzone, also die Grenze zwischen kalter Polarluft und warmer Subtropikluft, abschwächte, stieg auch der Kerndruck auf
etwa 1005 hPa. Dafür bildete sich aber zwischen Nordspanien und der Ostsee ein Drängungsgebiet von Tiefdruckfronten. Hierbei schoben sich die Fronten von Tief QUEENIE von Süden langsam nach Norden und trafen in diesem Gebiet auf die Kaltfront von Tief SVENJA, die sich von Großbritannien kommend nach Süden verlagerte. Als Folge mussten die Luftmassen nach oben ausweichen und es kam zu intensiven Hebungsvorgängen, die wiederum intensive Niederschläge zur Folge hatten. Als Beispiel für die 24-stündigen Niederschlagsmengen seien hier Toulouse mit 10 l/m², Brest mit 19 l/m², Locarno mit 20 l/m² und erneut La Coruna mit 47 l/m² aufgeführt. Aus Deutschland meldete Bremen mit 12 l/m² die höchste Niederschlagsmenge.

Am 05.05. wurden auf der Bodenwetterkarte zwei Zentren von Tief QUEENIE analysiert. Teiltief QUEENIE I befand sich über dem Golf von Biskaya und verlagerte sich nach Frankreich, Teiltief QUEENIE II lag über den Benelux-Staaten und zog nach Polen. Dadurch befand sich an diesem Tag die Luftmassengrenze genau über Deutschland. In einem Streifen vom Hunsrück über den Taunus, Westthüringen, den Ostharz und den Fläming bis hin zur Oder kam es zu Niederschlägen von bis zu 15 l/m² oder noch darüber. Harzgerode meldete 16,9 l/m², die Wasserkuppe 18,6 l/m² und der Flughafen Hahn 20,9 l/m², und innerhalb von 24 Stunden. Hier wurden am Tag kein Sonnenschein und im Dauerregen auch nur Tagesmaxima von 8 bis 11°C registriert. Dagegen war es an der Nord- und Ostseeküste meist trocken bei 10 bis 13 Stunden Sonnenschein. Schauer und Gewitter entwickelten sich auch im Bereich von Konvergenzzonen, also Bereichen wo Luft zusammenströmt, die von Frankreich über die Schweiz bis nach Tschechien reichten. Die höchsten Mengen meldeten Rennes in der Bretagne mit 25,2 l/m², Pardubice in Ostböhmen mit 27,1 l/m² und Lugano im Tessin mit sogar 58,9 l/m².

Am 06.05. erreichte das Tief QUEENIE I mit seinem Zentrum Süddeutschland, während das Tief QUEENIE II schon über Estland hinweg zog. Dabei wurden letztmalig zweistellige Niederschlagsmengen über der Mitte und dem Süden Deutschlands registriert, beispielsweise in Bad Königshofen mit 27 l/m². Im Bereich des Wirbels QUEENIE II kam es über dem Baltikum, Weißrussland und Nordwestrussland zu weiteren nennenswerten Niederschlägen. Königsberg und Riga meldeten je 6 l/m², gefolgt von Minsk mit 8 l/m² und in Tallinn fielen 18 l/m².

Am folgenden Tag löste sich das Teiltief QUEENIE I durch das von Westen herannahende Hoch LEONHARD über Polen auf. Dadurch wurde nur noch das Zentrum von Tief QUEENIE über der Halbinsel Kola analysiert. Der Kerndruck hatte sich aber bereits auf 1008 hPa abgeschwächt und auch die Niederschlagstätigkeit lies deutlich nach. So wurden aus dem Kernbereich, z.B. aus Archangelsk, nur 3 l/m² Regen innerhalb von 24 Stunden gemeldet.

Am 08.05. erschien das Tief QUEENIE durch die weiter anhaltende Abschwächung nach einer Lebensdauer von beachtlichen 12 Tagen über der südwestlichen Karasee letztmalig auf der Berliner Wetterkarte.

 


Geschrieben am 26.06.2012 von Matthias Treinzen

Berliner Wetterkarte: 30.04.2012

Pate: Gabriele Dittrich