Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet RENATE

(getauft am 24.11.2016)

 

Im Laufe des 23.11.2016 entwickelte sich vor der Ostküste Grönlands ein Tiefdruckgebiet, welches in der folgenden Nacht in Richtung Island weiter zog. Dieses hatte bereits eine kurze Okklusion, eine Kaltfront sowie eine nach Südosten und eine nach Süden reichende Warmfront ausgebildet und wurde am Morgen des 24.11. von den Meteorologen der Berliner Wetterkarte auf den Namen RENATE getauft. Eine Okklusion oder Okklusionsfront bezeichnet in der Meteorologie eine Mischfront aus Kalt- und Warmfront, die entsteht, wenn die nachfolgende und schneller ziehende Kaltfront die vordere Warmfront einholt. Der Punkt, an dem die Kalt- und Warmfront zusammenlaufen, heißt Okklusionspunkt.

In den Morgenstunden hatte bereits über Island Regen eingesetzt, welcher sich in Richtung der Färöer und des Europäischen Nordmeers verlagerte. Am Abend des 24.11. erreichten Niederschläge entlang der Warmfront auch die Westküste Norwegens, über Island traten auch einzelne Regenschauer auf. Bis Mitternacht hatte sich das Tiefdruckgebiet RENATE deutlich verstärkt, sein Zentrum, in dem ein Luftdruck von unter 990 hPa gemessen wurde, befand sich zwischen Island und der Insel Jan Mayen. Vom Zentrum weg führte die Okklusion ca. 100 km ostwärts und spaltete sich dort in eine bis Oslo reichende Warmfront, eine zweite Warmfront bis nördlich von Schottland und eine über den nördlichen Atlantik reichende Kaltfront auf. Auf der Rückseite des Tiefs RENATE hatte sich zudem eine über Island schnell weiter nach Süden ziehende zweite Okklusionsfront gebildet. Vor allem im Südwesten Norwegens regnete es länger anhaltend, dort staute sich der Niederschlag am Skandinavischen Gebirge. Weiter im Landesinneren und in höheren Lagen ging der Regen jedoch vermehrt in Schnee über. Der Tiefdruckwirbel RENATE zog in den darauffolgenden Stunden weiter ostwärts und verstärkte sich dabei zu einem Sturmtief, wobei sich die Hauptniederschlagsgebiete auf einen Streifen vom Osten Grönlands bis zum westlichen Schweden konzentrierten. Bis 07 Uhr MEZ konnten teilweise hohe Niederschlagssummen binnen 24 Stunden gemessen werden, im norwegischen Fiskabygd wurden beispielsweise 46,0 mm registriert, in der färöischen Hauptstadt Thorshavn 15,0 mm und in Reykjavik 8,4 mm. Am Vormittag und in den Mittagsstunden des 25.11. breiteten sich die Niederschläge immer weiter über Skandinavien aus, über dem Süden und der Mitte Schwedens und Norwegens sowie entlang der norwegischen Küste traten diese in Form von Regen oder Sprühregen auf, weiter nördlich als Schnee. Neben Regen und Schnee sorgte das Tief RENATE auch für stürmischen Wind, sodass im norwegischen Veiholmen Sturmböen bis 100,9 km/h, in Thorshavn bis 101,9 km/h und auf der 1893 m hohen Juvasshoe sogar Orkanböen bis
147,7 km/h gemessen werden konnten. Zum Abend hin schneite es über dem nördlichen Skandinavien weiterhin kräftig, welcher durch den kräftigen Wind teilweise stark verweht wurde. Über der Mitte Skandinaviens ließ der Regen jedoch auch kaum nach.

Um 01 Uhr MEZ des 26.11. lag das Zentrum des Tiefs RENATE mit einem zentrumsnahen Luftdruck von ca. 986 hPa knapp 300 km westlich der norwegischen Küste. Von dort aus reichte die Okklusion im Uhrzeigersinn um das Tiefzentrum herum bis zum Okklusionspunkt über der nördlichen Ostsee. Von dort aus verlief die Warmfront über den Südwesten Finnlands bis zum Baltikum, die Kaltfront über Schweden und Südnorwegen bis nach Schottland. Rückseitig der Kaltfront strömte maritime Polarluft nach Skandinavien, über Island floss sogar maritime arktische Luft ein. Die kräftigen Schneefälle erreichten in der zweiten Nachthälfte auch den Norden und die Mitte Finnlands, weiter südlich verblieb es jedoch beim Regen. Auf der Rückseite der Kaltfront lockerte die Bewölkung jedoch auf, teilweise war es sogar klar. Die Schneefälle setzten sich auch bis zum Morgen weiter fort, die Niederschläge entlang der Warmfront gingen über dem östlichen Baltikum auch in Schneeregen und Schnee über. Die höchsten 24-stündigen Niederschlagssummen wurden bis 07 Uhr MEZ erneut im Westen Norwegens im Gebirgsstau gemessen, so kamen in Furuneset 54,0 mm Niederschlag zusammen, in Tagdalen 48,2 mm und in Trondheim 31,8 mm. Über dem nördlichen Schweden und Finnland wurden nicht ganz so hohe Niederschlagssummen registriert, verbreitet nur zwischen 5 bis 12 mm, jedoch war der gesamte Niederschlag als Schnee gefallen, weshalb im finnischen Muonio 7 cm Neuschnee gemessen wurden und in Sodankylä sogar 8 cm. Das Tief RENATE zog am Morgen und Vormittag des 26.11. mit seinen Fronten und kräftigen Niederschlägen über den Norden Norwegens und Schwedens hinweg und verstärkte sich dabei leicht, sodass sich sein Zentrum gegen Mittag über der nördlichen Ostsee befand. Dabei konnte auf der Rückseite des Tiefdruckwirbels RENATE weiter maritime Polar- und Arktikluft in den Westen Skandinaviens strömen. In dieser Kaltluft entwickelten sich im Tagesverlauf auch starke Regen- und Graupelschauer, in deren Umfeld erneut Sturm- und orkanartige Böen auftraten. Zusätzlich bildete sich auf der Rückseite der Kaltfront ein Sturmfeld aus, sodass es auch bis zum südskandinavischen Flachland und im Umfeld der Ostseeküsten zu stürmischen- und Sturmböen kam. So wurden auf der südschwedischen Ostseeinsel Hanö Spitzenböen von bis zu 90,1 km/h gemessen, im norwegischen Veiholmen sogar bis 111,7 km/h. Doch auch auf dem Kap Arkona auf Rügen konnten starke Böen bis 75,6 km/h registriert werden. Entlang der Warmfront wurde auch am Nachmittag weiterhin kräftiger Regen beobachtet, weiter nördlich im Bereich der Okklusion schneite es hingegen stark. Zudem weiteten sich die Niederschläge bis in den Westen Russlands und ins südliche Baltikum aus. Die von Nordwesten her weiter einströmende Polar- und Arktikluft sorgte vor allem zum Abend im skandinavischen Bergland für deutlich sinkende Temperaturen. In dieser Region waren auch bis 19 Uhr MEZ hohe Niederschlagsmengen gefallen, wie beispielweise an der Station Mannen mit 21 mm innerhalb von 12 Stunden.

Um 01 Uhr MEZ des 27.11. befand sich der Kern des Tiefs RENATE mit einem nochmals deutlich gesunkenen Luftdruck von ca. 980 hPa in der Nähe der russischen Millionenmetropole Sankt Petersburg. Von dort aus verlief die deutlich schwächer gewordene Okklusion ein kurzes Stück südostwärts in Richtung Moskau, wo sie sich in die bis Südrussland reichende Warmfront und in die über den Norden Deutschlands und Polens führende und bis Großbritannien reichende Kaltfront aufteilte. An der Kaltfront traten dabei auch sehr starke Regen- und Schneeschauer auf, teilweise wurden diese auch von Hagel begleitet. Über dem Nordosten Polens wurden sogar vereinzelt Blitze beobachtet. Auf der Vorderseite der Warmfront sowie nördlich des Tiefdruckzentrums fiel kräftiger Schneefall. Die arktische Luft, welche sich über weiten Teilen Skandinaviens ausgebreitet hatte, sorgte bis zum Morgen im Norden der Halbinsel für Tiefsttemperaturen von unter -20°C. In den Morgenstunden zog die Kaltfront über den Norden Deutschlands hinweg bis zu den Mittelgebirgen und brachte dabei leichten Regen. Mit Hilfe der Sonneneinstrahlung entwickelten sich ab dem Vormittag in der Kaltluft auf der Rückseite des Tiefs RENATE im Umfeld der Ostsee viele Schauer, deren Niederschläge zumeist in Form von Schnee auftraten. Auch über weiten Teilen Russlands, Finnlands und Schwedens sowie Estland schneite es weiter länger anhaltend. Lediglich im Bereich des Warmluftsektors zwischen Warm- und Kaltfront fiel Regen. Der Tiefdruckwirbel RENATE zog in den darauffolgenden Stunden weiter in Richtung Osten nach Russland, auf der Rückseite traten dabei weiterhin selbst bis zum skandinavischen Flachland Sturmböen auf. Am Nachmittag und frühen Abend des 27.11. konnten sich die Schneefälle immer weiter südwärts sogar bis in den Südosten Polen ausbreiten, besonders im Stau der Hohen Tatra wurde kräftiger Schneefall gemeldet. Die Kaltfront war währenddessen bis über den Alpenraum und den nördlichen Balkan weitergezogen. In den Abendstunden traten sogar im Flachland Südpolens, wie beispielsweise in Krakau, Schneeschauer auf.

Das Tief RENATE zog weiter ostwärts und befand sich am 28.11. um 01 Uhr MEZ nördlich von Moskau. Der Luftdruck im Zentrum war dabei wieder auf ca. 994 hPa angestiegen. Die weiterhin kurze Okklusionsfront verlief vom Kern nach Osten und teilte sich nach nur wenigen Hundert Kilometern in die bis zum Ural reichende Warmfront und in die sich quer über Osteuropa erstreckende Kaltfront auf, hinter der postfrontal weiterhin maritime Arktikluft in weite Teile Osteuropas strömen konnte. Rückseitig des Zentrums hatte sich eine zweite Okklusion bis zur russisch-weißrussischen Grenze mit Zugrichtung nach Südosten ausgebildet. An dieser und weiter bis nach Polen traten dabei kräftige Schneefälle auf. Im Umfeld der Kaltfront hingegen wurde vielerorts Regen gemessen. Um 07 Uhr MEZ wurde von der Wetterstation der lettischen Hauptstadt Riga eine Schneehöhe von 1 cm gemeldet, dort fiel innerhalb von 24 Stunden 10,0 mm Niederschlag. Aus Krakau wurden 4 cm Neuschnee gemeldet und im russischen Rybinsk war die Schneedecke von 19 auf 27 cm angewachsen. Im finnischen Vaasa hatten 11,9 mm Niederschlag insgesamt 8 cm Neuschnee gebracht. Im nördlichen Skandinavien sorgte die arktische Kaltluft erneut für Tiefsttemperaturen in der Nacht von unter -20°C, doch auch sonst trat in den meisten Regionen, welche bereits von der Kaltfront überquert worden waren, Nachtfrost auf. Der Tiefdruckwirbel RENATE verlagerte sich in den Folgestunden immer weiter zum russischen Binnenland und sorgte weiterhin für gebietsweise starke Schneefälle von Polen bis zum Ural und auch über dem östlichen Teil Skandinaviens. Die Kaltfront zog unterdessen über das Schwarze Meer und den nördlichen Regionen der Türkei und Griechenlands hinweg, dort kam es neben kräftigen und lang anhaltenden Regenfällen auch zu vereinzelten Gewittern. Entlang der Kaltfront traten im Süden Russlands auch weiter vermehrt stürmische- und Sturmböen auf. Am Abend des 28.11. hatte das Tief RENATE den Ural erreicht. In Estland, Lettland und Finnland sowie dem nördlichen Russland waren die Temperaturen im Tagesverlauf nicht einmal mehr über dem Gefrierpunkt gestiegen.

Zu Tagesbeginn des 29.11. lag das Zentrum des Tiefdruckgebiets RENATE mit einem zum Vortag gesunkenen Druck von knapp 991 hPa auf Höhe der russischen Stadt Perm. Die wenig wetteraktive Warmfront erstreckte sich bis nach Sibirien, die Kaltfront reichte über den Süden Russlands und das Schwarze Meer bis zum südlichen Griechenland. Eine zweite, schwächere Kaltfront verlief auf der Rückseite des Tiefs RENATE. Dort strömte kontinentale Arktisluft nach Osteuropa. Die Niederschläge im nördlichen Bereich der Kaltfront schwächten sich zunehmend ab, im südlichen Bereich über der Türkei und Griechenland hingegen wurde weiterhin kräftiger Regen registriert, der auch von Gewittern begleitet wurde. In diesen Gegenden traten bis zum Morgen regional unwetterartige 24-stündige Niederschlagssummen von über 200 mm auf, wie beispielsweise in der türkischen Küstenstadt Ayvalik, wo 215,2 mm gemessen wurden. Doch auch an den übrigen Stationen summierte sich der Niederschlag im Westen der Türkei auf 50 bis 100 mm. Deutlich geringer fielen die Niederschlagssummen weiter nördlich in Russland und dem Baltikum aus, hier fielen meisten zwischen 5 bis 10 mm, dieser jedoch ausschließlich als Schnee. So war die Schneedecke in Riga durch 9 mm Niederschlag auf 13 cm angewachsen, im weißrussischen Lida auf 12 cm. In den darauffolgenden Stunden zog das Tief RENATE über das Uralgebirge hinweg und schwächte sich dabei deutlich ab. Die Niederschläge in Form von Schnee konzentrierten sich dabei nun nur noch auf das Umfeld um den Ural. Am 30.11. hatte sich das Tief RENATE soweit Richtung Sibirien verlagert, dass es den Analysebereich der Berliner Wetterkarte verließ.

Insgesamt beeinflusste das Tief RENATE das Wettergeschehen besonders in Skandinavien und dem Osten sowie Südosten Europas, brachte regional viel Neuschnee, sowie winterliche Kälte nach Osteuropa, und in Griechenland und der Türkei unwetterartig hohe Niederschlagssummen.


 

Geschrieben am 09.02.2017 von Maximilian Steinbach

Berliner Wetterkarte: 27.11.2016

Pate: Renate Krause