Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet WERNER

(getauft am 05.05.2017)

 

Am 05.05.2017 wurde in der Prognose für 12 Uhr UTC, d.h. 14 Uhr MESZ, des folgenden Tages die Entstehung eines Tiefdruckwirbels über Nordfrankreich vorhergesagt. Dieser auf den Namen WERNER getaufte Wirbel ging aus einer sich wellenförmig deformierenden und sich vom Atlantik in Richtung Westeuropa verlagernden Front eines sich zu diesem Zeitpunkt westlich von Irland befindenden Tiefdrucksystems hervor.

Mit einem Kerndruck von unter 1010 hPa befand sich das Zentrum des Wirbels am 06.05. gegen 00 Uhr UTC vor der Bretagne, noch etwa 500 Kilometer westlich der für 12 Uhr UTC prognostizierten Position. Vom Kern unweit von Brest erstreckten sich zum einen eine Warmfront über Paris bis nach Genf und zum anderen eine Kaltfront über Bordeaux, Barcelona und Alicante bis nach Marokko und weiter nach Südwesten. Durch eine Okklusionsfront war der Wirbel WERNER zudem nach Westen mit dem Zentrum des umfangreichen Tiefdrucksystems über dem Nordatlantik verbunden, aus dem dieser hervorgegangen war. Als Okklusionsfront wird dabei eine Mischfront verstanden, die aus dem Zusammenschluss von Warm- und Kaltfront entsteht und Eigenschaften beider Frontenarten in sich vereint. Hebungsprozesse entlang des Frontensystems hatten bereits am Vortag über dem Atlantik ein ausgeprägtes Niederschlagsband entstehen lassen. Dieses traf zunächst auf die Iberische Halbinsel, weitete sich in der Nacht zum 06.05. auf Süd- und Westfrankreich aus und verlagerte sich im Tagesverlauf über Zentralfrankreich hinweg in Richtung Mitteleuropa. Einsetzende, teils gewittrige Schauer brachten dabei mitunter ergiebige Niederschlagsmengen mit sich. So fielen bereits am Abend und in der Nacht zwischen 18 und 06 Uhr UTC in Pamplona 10 mm, in Hondarribia nahe San Sebastian 14,6 mm, in Rennes 24,4 mm und in Dinard 31,3 mm Regen. Während die Niederschläge im Laufe des Tages beim Überqueren von Frankreich im allgemeinen leicht an Stärke verloren, erfuhren diese beim Auftreffen auf die Gebirgsketten der Westalpen durch Aufgleitvorgänge in kältere Luftschichten sowie durch das Zusammenspiel mit einem nach Mittelitalien ziehenden Tief erneut an Intensivierung. Wurden binnen 24 Stunden bis 06 Uhr UTC des nächsten Morgens in Paris je nach Stadtlage zwischen 6 und 9,4 mm gemeldet, registrierten die Messgeräte in Grenoble 30 mm, in Besançon 31,6 mm und im schweizerischen La Dole 40,1 mm. Auf dem höchsten Berg der Schweiz, dem Säntis, wurden bis zu 44,9 mm Niederschlag gemessen, die aufgrund der Höhenlage als Schnee fielen. Übertroffen wurden diese Niederschlagsmengen nur noch vom Feldberg. Schneeregen brachte hier im selben Zeitraum bis zu 45,7 mm mit sich. Ab den frühen Nachmittagsstunden hatten sich die Niederschläge auch auf den Südwesten Deutschlands ausgeweitet. Größere Regenmengen wie über Frankreich blieben bis auf lokale Ausnahmen zumeist jedoch aus. 24-stündig wurden aus Stuttgart 2 mm, aus Landsberg am Lech 5,1 mm und aus Saarbrücken 6,1 mm gemeldet, in Freudenstadt fielen dagegen im selben Zeitraum 15,6 mm und in Meßstetten 16,8 mm. An einigen wenigen besonders exponierten Lagen, wie zum Beispiel auf dem Mont Aigoual im Zentralmassiv, erreichte der Nordwestwind mit Böen von bis zu 126,1 km/h gar Orkanstärke.

Bis zum 07.05. war das Zentrum des Tiefs WERNER nach Westen gezogen und befand sich um 00 Uhr UTC mit einem auf etwa 1012 hPa leicht angestiegenen Druck direkt über Köln. Die Warmfront war in den vergangenen 24 Stunden vollständig von der ihr nacheilenden Kaltfront eingeholt worden, sodass sich eine weitreichende sowie sich typisch um das Zentrum eindrehende Okklusionsfront ausbilden konnte. Diese reichte südlich des Kerns ausgehend in einem Bogen von Stuttgart über Brüssel, Bielefeld und Prag um das Zentrum herum und weiter in Richtung Südosten. Im weiteren Verlauf ging sie anschließend im Bereich der Ostalpen in die Okklusionsfront eines Tiefs über Kroatien über. Dieses Tief war in den vergangenen 48 Stunden von Marokko über die Balearen und Mittelitalien in Richtung der Balkanhalbinsel gezogen. Des Weiteren ging bei Salzburg eine Warmfront von der Okklusion ab, die sich mit der Kaltfront eines über Ostpolen liegenden Tiefs verband. Das stationär über Westdeutschland verbleibende und sich allmählich auflösende Tief WERNER blieb für Süddeutschland und den Alpenraum wetterbestimmend, wohingegen die Südalpen durch das nach Kroatien gezogene sowie nachfolgend durch eine bei Genua neu entstehende Zyklone beeinflusst wurden. Während es über Nord- und Mitteldeutschland oft niederschlagsfrei blieb bzw. nur Regenmengen unter 3 mm registriert wurden, meldete München 11,5 mm, die Station auf dem Feldberg 24 mm und Mannheim 25,5 mm, die innerhalb von 24 Stunden bis 06 Uhr UTC am 08.05. gemessen wurden. Bei Temperaturen, die auch tagsüber -4,5°C nicht überschritten, fielen auf der Zugspitze die Niederschläge als Schnee mit einer Menge von 12,9 mm, wodurch die dortige Schneedecke um 5 Zentimeter auf 3,95 Meter anwuchs. Etwas intensiver gestalteten sich die Niederschläge über Teilen Österreichs. An der Rudolfshütte wurden im selben Zeitraum 30,6 mm, am Flughafen von Salzburg 33,4 mm und am Flughafen von Linz 47,1 mm registriert. In Wien hingegen waren es zum Vergleich lediglich 6,1 mm. Auf der Rückseite des Wirbels wurden trotz zunehmender Auflösung feuchte Nordseeluft in den Stau der Westalpen geführt, wodurch sich in Teilen der Schweiz und Frankreich nochmals teils ergiebige Niederschlagsmengen akkumulierten. So wurde aus Besançon bis 06 Uhr UTC eine 24-stündige Niederschlagssumme von 21,8 mm, aus Neuchatel 34,9 mm und vom Säntis bis zu 45,5 mm gemeldet. Das Gros der Gesamttagesniederschlagsmenge fiel sowohl dort, als auch in Österreich, in einem Zeitraum von weniger als 12 Stunden.

Tief WERNER hatte sich im Tagesverlauf trotz allem zusehends abgeschwächt, sodass dieser bereits am 08.05. nicht mehr als eigenständiger Wirbel auf der Berliner Wetterkarte analysiert und somit auch nicht mehr namentlich auf jener verzeichnet werden konnte. Seine verbliebenen Fronten gingen anschließend in die Zirkulation des von Norwegen über Polen in Richtung Russland ziehenden Tiefs XANDER über.

 


Geschrieben am 05.07.2017 von Christian Ulmer

Berliner Wetterkarte: 07.05.2017

Pate: Dr. Werner Teichmann