Lebensgeschichte

 

Tiefdruckgebiet ZANARIN

(getauft am 14.07.2020)

 

Im Laufe des 14.07.2020 bewegte sich von der Labradorsee her ein Tiefdruckkomplex mit insgesamt 3 Kernen südlich von Grönland weiter Richtung Osten. Dabei stellte der anführende Kern ganz im Osten auch das steuernde Tief dar. Die beiden anderen Kerne dahinter sind durch eine Wellenstörung entstanden. Angetrieben durch den Jetstream, ein bandförmiges Starkwindfeld, und der Lage des Tiefdruckgebildes in der Westwindzone sollte es in den Folgetagen Einfluss auf das Wettergeschehen in Europa nehmen. Diese Ausgangssituation nahmen die Meteorologen der Berliner Wetterkarte (BWK) zum Anlass die vordere der beiden Wellenstörungen in der Prognosekarte für den nächsten Tag ZANARIN zu taufen.

Am 15.07. um 00 Uhr UTC befand sich der Kern des Wellentiefs ZANARIN über dem Nordatlantik etwa 1000 km südwestlich von Island, noch immer mit dem steuernden Tief, dessen Kern zwischen Island und Schottland lag, über eine Warmfront verbunden mit einem gemeinsamen Luftdruck von knapp 1010 hPa. Vom Kern des Wellentiefs ZANARIN nach Westen abgehend verlief eine Kaltfront bis Neufundland. Mit der Drehrichtung gegen den Uhrzeigersinn wurde vorderseitig der Welle Warmluft in Richtung Island transportiert und rückseitig gelangte Kaltluft von Grönland in Richtung Neufundland. Der Grenzbereich zwischen Warm- und Kaltluft stellt das Frontensystem der Welle ZANARIN dar.

Bis zum nächsten Tag, dem 16.07., intensivierte sich diese Welle zu einem eigenständigen Tiefdruckgebiet mit einer den Kern einschließenden Isobare von 990 hPa. Eine Isobare entspricht in der Meteorologie einer Linie gleichen Luftdrucks. Wie aus dem Lehrbuch entwickelte sich diese Musterzyklone bestehend aus Warmfront, Kaltfront und Okklusion, bei welcher die schneller ziehende Kaltfront die vorderlaufende Warmfront eingeholt hat. Diese Front vereinigt die Eigenschaften beider Frontentypen in sich. In den nachfolgenden Abbildungen soll noch einmal verdeutlicht werden wie sehr Tief ZANARIN dem Schema einer Idealzyklone ähnelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

                  Zyklone ZANARIN am 16.07.2020          Schema einer Musterzyklone

Das Wetter in Mitteleuropa wurde zu diesem Zeitpunkt noch vorwiegend von Tief YVONNE über Südskandinavien geprägt. Die Warmfront der Zyklone ZANARIN zog sich vom Okklusionspunkt über Schottland hinweg bis Yorkshire, wo sie in die Kaltfront des zuvor noch steuernden, inzwischen aber deutlich abgeschwächten Tiefs überging. Die Kaltfront erstreckte sich derweil südwestlich über den Atlantik, wo sie letztlich auf eine Warmfront eines weiteren Tiefs traf. Im Tagesverlauf holte die Kaltfront die Warmfront von Tief ZANARIN mehr und mehr ein, so dass sie zunehmend okkludierte. Dabei ergaben sich für Island noch größere Niederschlagsmengen als in den vergangenen zwei Tagen. So fielen 12-stündig 48,6 l/m² bis 18 Uhr UTC in Kvísker an der Südostküste der Insel und 40,5 l/m² in Ölkelduháls bei Rejkjavik ebenfalls innerhalb 12 Stunden, allerdings nicht bis 20 Uhr, sondern bis 06 Uhr UTC.

Bis zum 17.07. um 00 Uhr UTC hat sich der Kern der Zyklone ZANARIN nur wenig bewegt, einmal über Island hinweg von der West- zur Ostküste. Dessen Warmfront hat die Westküste Skandinaviens erreicht und die Kaltfront die schottischen Highlands. Die Okklusionsfront spaltete sich über dem Nordmeer unweit von Trondheim in die Warm- und Kaltfront auf, diese werden sich in den Folgestunden auf die skandinavische Küstenregion zubewegen. Nach Mitteleuropa war aus südwestlicher Richtung das Hoch ZEBEDÄUS ostwärts vorgedrungen und bestimmte das Wettergeschehen am 17.07. in Frankreich und großen Teilen Deutschlands. Die Kaltfront von Tief ZANARIN hatte bis 12 Uhr UTC die Warmfront eingeholt und beide vereinigten sich im Okklusionspunkt, welcher anschließend die norwegische Küste erreichte. Dort kam im Tagesverlauf einiges an Regen zusammen. So wurden z.B. 12-stündig um 18 Uhr UTC 24 l/m² in Bergen und ein bisschen südlicher 28 l/m² in Liarvatn gemeldet. Die Tageshöchsttemperaturen erreichten in diesen sonnenarmen und zugleich regenreichen Regionen gerade einmal 13 bis 17°C, wie z.B. 15,4°C in Bergen. Derweil konnte sich die Luft vor der Front weiter im Landesinneren bei Sonnenschein auf Höchstwerte von 26,8°C in Stockholm und 27,1°C in Enköping erwärmen. In den Folgestunden drehte sich die Okklusionsfront weiter um den Tiefdruckkern, welcher mittlerweile den tiefsten Luftdruck seit Entstehung von etwa 985 hPa aufwies, und bewegte sich weiter Richtung Nordosten, wodurch der Einfluss für das mitteleuropäische Wetter verloren ging.

Zu Beginn des 18.07. lag der Kern von Tief ZANARIN um 00 Uhr UTC östlich von Island mit einem wieder leicht erhöhten Druck von etwa 990 hPa, wobei sich nach und nach im Tagesverlauf ein weiterer Tiefdruckkern von ZANARIN nördlich vom ersten ausbildete. Währenddessen breitete sich das Hochdruckgebiet ZEBEDÄUS, vom Südwesten Europas ausgehend, immer weiter aus und erreichte ebenfalls Nordeuropa. Tief ZANARIN spaltete sich in zwei Zyklonen auf: ZANARIN I befand sich am 19.07. um 00 Uhr UTC östlich von Island und ZANARIN II verlagerte sich mit einem Kerndruck von etwa 1005 hPa weiter Richtung Spitzbergen. Unterdessen bildete sich etwa auf Höhe von Bergen in den Abendstunden an der Kaltfront von Tief ZANARIN aufgrund einer Wellenstörung ein weiteres Tief, welches von der Berliner Wetterkarte auf den Namen ANJA getauft wurde. Besonders im Bereich dieses neu entstandenen Tiefdruckkerns ergaben sich abermals hohe Regenmengen in Begleitung von nur mäßig warmer Luft. So registrierten die Wetterstationen im südlich von Bergen gelegenen Liarvatn 12-stündig 35 l/m² und im sich noch weiter südlich befindlichen Eik Hove sogar 40 l/m² im selbigen Zeitraum, bei lediglich 15 bzw. 16,3°C.

In den folgenden Tagen breitete sich Tief ANJA dann immer weiter über Skandinavien aus und der Tiefdruckkomplex ZANARIN verlor an Einfluss auf das europäische Wetter. So wanderte der Kern ZANARIN II zum 21.07. hin über die Barentsee hinaus Richtung Sibirien und verschwand somit aus dem Analysebereich der Berliner Wetterkarte. Infolgedessen blieb dann nur noch ein Kern übrig, der ohne römische Ziffer weitergeführt wurde. Die Zyklone ZANARIN blieb bis zum 22.07. nahezu stationär östlich der Jan Mayen Insel über dem Europäischen Nordmeer frontenlos liegen und verlor dadurch jeglichen Einfluss auf das Wettergeschehen in diesen Regionen.

Tief ZANARIN wurde schlussendlich am 22.07. das letzte Mal auf der Bodenanalysekarte der BWK namentlich erwähnt, bevor es sich im Tagesverlauf auflöste. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Zyklone keinen maßgeblichen Einfluss auf das Wettergeschehen in Mitteleuropa nehmen konnte, da der Gegenspieler (Hoch ZEBEDÄUS) zu sehr seine Fühler dorthin ausstreckte und damit die weitere Verlagerung von Tief ZANARIN abblockte, so dass dieses nach Norden ausweichen musste. Verursacht durch diese Blockade lag Tief ZANARIN östlich von Island ohne sich lange Zeit fortzubewegen, um dann letztendlich den Weg für neue Tiefdruckgebiete zu ebnen.